Manchmal braucht man einfach nur Mut

- Sie ist d i e hochdramatische Sopranistin ihrer Generation. Unvergessen etwa ihre stimmlich wie darstellerisch unter die Haut gehenden Interpretationen der Sopran-Partien Richard Wagners, allen voran ihre Brünnhilde in Patrice Ché´reaus Bayreuther "Jahrhundert"-Ring von 1976. Eingeengt auf Wagner ist Dame Gwyneth Jones jedoch nicht: Zu den Glanzlichtern ihrer Karriere gehören Puccinis "Turandot" oder Poulencs "La voix humaine" ebenso wie die großen Sopran-Partien von Richard Strauss. Sie und Lieder von Strauss stehen auch im Mittelpunkt des Meisterkurses, den die Künstlerin derzeit bei den Richard-Strauss-Tagen in Garmisch-Partenkirchen abhält.

<P>Gibt es einen prinzipiellen Unterschied zum Beispiel zwischen der Art, Strauss zu singen oder Wagner?<BR>Gwyneth Jones: Ich glaube, der Unterschied besteht darin, dass es bei Strauss öfter schwebende Pianissimi-Bögen und viel schnelle, leichte (quasi parlando) Konversationsstellen gibt. Es sind selbstverständlich auch große, volle Bögen zu singen - wie im "Salome"-Schluss, in "Elektra" oder "Frau ohne Schatten". Aber auch viel Leichtigkeit wie bei der Marschallin oder der Ariadne, die wie bei Mozart als Medizin für die Stimme wirkt. Deswegen konnte ich, als ich in Bayreuth die Brünnhilde in der Ché´reau-Inszenierung sang, immer wieder zwischendurch nach München fliegen, um mit Carlos Kleiber die Marschallin zu singen. Es war für mich keine Strapaze, sondern eine erfrischende Abwechslung.</P><P>Junge Künstler zu unterrichten gehört zu Ihren Herzensanliegen. Was raten Sie Sängern am Anfang ihrer Karriere?<BR>Jones: Arbeiten und immer wieder arbeiten an der Technik. Sich Zeit lassen und Erfahrung sammeln. Der Stimme die Möglichkeit geben, sich zu entwickeln. Viele junge Sänger und Sängerinnen, kaum dass sie von der Musikhochschule abgegangen sind, lassen sich überreden, das hochdramatische Repertoire zu früh zu singen. Das ist sehr gefährlich. Ich habe 20 Jahre gewartet, bis ich mich an die Elektra wagte. Für solche Rollen braucht es enorme Reife, Routine und Durchhaltekraft. Wenn man die noch nicht hat, macht man die Stimme schnell kaputt.</P><P>Wo ist zur Zeit Ihr eigener künstlerischer Schwerpunkt?<BR>Jones: Als Sängerin bei den großen reiferen Frauen-Rollen - Herodias, die Küsterin in "Jenufa", die Witwe Begbick in Weills "Mahagonny", demnächst wohl auch die Klytämnestra. Aber es gibt bald noch ein Debüt anderer Art: Im November kommt in Weimar meine erste eigene Inszenierung heraus, "Der fliegende Holländer".</P><P>Wie wird Ihre Inszenierung?<BR>Jones: Auf jeden Fall nicht altmodisch. Es gibt keine unnötigen Gags, sondern die Inszenierung wird an der Sache orientiert sein. Ich habe einen jungen, hochbegabten, französischen Bühnenbildner ausgesucht, namens Laurent Berger, der nach meinen Wünschen ein ganz tolles Bühnenbild entworfen hat - wir machen die Kostüme zusammen. Das macht mir riesige Freude, weil ich seit Jahren immer meine Konzert-Kleider selbst entworfen habe.</P><P>Ihre eigenen sängerischen Erfahrungen mit dem "Holländer"?<BR>Jones: Ich habe die Senta gesungen über 100 mal, seit 1968, in vielen verschiedenen Inszenierungen in der ganzen Welt. Mir fällt eine Geschichte aus den 80-ern ein: Da sprang ich einmal ganz kurzfristig in Bayreuth als Senta in Harry Kupfers "Holländer" ein, ohne jede Probe. Senta musste sich am Schluss durch ein Fenster in der Bühnenrückwand in die Tiefe stürzen. Man hatte mir gesagt, da stehe dann ein Lastwagen mit einer Matratze, um mich aufzufangen. Als es bei der Aufführung so weit war, schaute ich durch das Fenster und sah, durch die Bühnenlichter noch geblendet: nichts, nur ein dunkles Loch. Mir blieb nur ein Augenblick. Ich entschied: Wenn da kein Laster wäre, würde ich wenigstens als erste Sängerin in die Geschichte eingehen, die sich in Bayreuth als Senta wirklich zu Tode gestürzt hätte - und sprang. Wie Sie sehen, war der Laster da. Manchmal braucht man als Sänger neben Technik und Erfahrung auch einfach nur Mut.</P><P>Das Gespräch führte Andreas Grabner.</P>

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