Manchmal ein Fall fürs Gericht

- Heute sind es Comics und reich bebilderte Boulevardzeitungen, die in der Gunst und in der Kritik gleichermaßen stehen. Damals, im 19. Jahrhundert, waren es die Bilderbögen. Dass aus der Trivialkultur fürs weniger gebildete Volk mittlerweile ein Stück sehenswerte Kunst- und Sozialgeschichte geworden ist, mag manchen hoffen lassen.

Schaut man aber die französische Sammlung im Buchheim Museum Bernried an, dann bestehen doch feine Unterschiede: Die Massenprodukte von damals bargen ein gutes Quantum Handarbeit und persönliche Interpretation. Mit den Bögen aus den Zentren Epinal und Metz wird die bunte Alltags-, Glaubens- und Kinderwelt der französischen Provinz lebendig.

Die kleine Kabinettausstellung gibt nur einen kurzen Einblick in die Hunderte von Blättern, die Buchheim gesammelt hat. Sein Faible dafür ist nachvollziehbar: Die Bilderbögen sind unkapriziöse, liebenswürdige Berichte und Satiren, religiöse Erbauung und politische Auslegung. Fliegende Händler brachten die Holzschnitte und Lithographien an den Kleinbürger. Schade, dass ausgerechnet diese Bündelung einer beredten und florierenden Grafikkultur, die Anregung für Generationen war, ein wenig wortkarg präsentiert wird.

Blätter wie der gekreuzigte Jesus, in einem Medaillenreigen religiöser Geschichten, entstanden in verschiedensten leuchtenden Ausführungen. "Das heilige Sakrament", bei dem zwei Engel vor der Monstranz knien, verkörpert die prachtvolle Gegenreformation. Zweisprachige Unterweisungen zu den Sakramenten, Dogmen oder der Kreuzesweg samt der Schweißtuch-Szene hingen nicht selten als Lehrmeinung in der Stube. Liebesgeschichten florierten bei den Erwachsenen, mit Konstruktionsblättern, Hampelmännern oder Bastelbögen gewann man ab 1830 die Kinder als Klientel. Ein Gänse- und ein Königsspiel, militärische wie religiöse Prozessionen sind hier zu sehen.

Manche Blätter schafften es bis in den Schulunterricht. Manche bis vors Gericht, wie etwa die Napoleon-Darstellungen des Verlegers Jean-Pierre Pellerin.

Bis 8. Januar 2006, Telefon: 081 58/ 99 700.

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