Interview

"Manchmal träume ich einfach"

Ob bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Peking oder bei "Wetten, dass...?", Lang Lang (26) aus Shenyang, China, begeistert die Massen. Dahinter freilich steckt Knochenarbeit. Doch Lang Lang spricht noch immer mit Leidenschaft über das, was ihm am Allerwichtigsten ist: die klassische Musik.

Am 14. November erscheint sein neues Album "Chopin Klavierkonzerte".

-Welche Beziehung haben Sie zu Chopins Musik?

Sie begleitet mich schon mein ganzes Leben. Mit fünf habe ich meinen ersten Chopin-Walzer gelernt. Als ich 13 war, gab ich mein Orchester-Debüt mit seinem zweiten Klavierkonzert. Darin gibt es eine der schönsten Melodien, die je geschrieben wurden - und es birgt das Mysterium der Liebe. Chopin verliebte sich damals in eine Sängerin in seinem Konservatorium in Warschau. Er hat seine Gefühle ihr gegenüber nie ausgesprochen. Dieses Konzert ist ein bisschen wie ein schüchterner Liebesbrief.

-Kann man mit 13 so etwas schon ausdrücken?

Für eine Beziehung war ich noch zu jung. Ich habe stattdessen an meine Mutter gedacht. Denn das Stück drückt eine tiefe Sehnsucht aus - und ich vermisste meine Mutter schrecklich. Ich studierte in Peking und konnte nicht bei ihr leben.

-Woran denken Sie heute, wenn Sie romantische Musik spielen?

Was sich in meinem Kopf während eines Konzerts abspielt, ist wie bei einem Multimedia-Bildschirm: Da sind natürlich die Noten, die Hände, der Klang. Aber dann stelle ich mir Charaktere vor, oder ich sehe Farben vor mir und Gemälde. Und manchmal träume ich einfach, lasse der Fantasie freien Lauf. Das ist wichtig, denn schließlich musst du das Klavier zum Leben erwecken.

-Vor allem bei Chopin?

Absolut. Seine Musik ist so poetisch. Er ist einer der wenigen Komponisten, die das Klavier zum Singen bringen. Es ist eine recht mechanische Maschine - bei Chopin wird sie zur Oper. Das Schwierige dabei ist die Struktur. Mann muss poetisch spielen, aber man darf nicht zu weit gehen, sonst verliert die Interpretation jeden Halt. Die Poesie ’rüberzubringen und die Struktur zu wahren - das ist die große Herausforderung.

-Sind Sie ein romantischer Mensch?

Nicht wirklich, denn ein Romantiker ist nicht in einen Zeitplan gezwängt (lacht). Als Künstler auf Tournee muss man sehr präzise sein, sich seine Zeit genau einteilen. Eigentlich kann ich nur romantisch sein, wenn ich am Klavier sitze. Nur dann habe ich keinen Zeitdruck.

-Sie sind einer der bekanntesten Pianisten der Welt. Haben Sie das Ihrem Können oder Ihrer Persönlichkeit zu verdanken?

Ich glaube, es ist eine Mischung aus beidem. Man muss auf seinen Konzerten schon gut sein, dem Publikum etwas abliefern, sonst kommt man nicht weit in der Klassik-Welt. Wir sind ja keine Popstars. Aber ich rede auch gern, und das hilft mir. Denn manchmal können klassische Musiker ganz schön introvertiert sein. Ich mag Kommunikation. Ich glaube, Musik muss geteilt werden, sie ist nicht für einen Elite-Club, sondern für die ganze Welt.

-Aber Klassik-Stars werden doch heute fast wie Popstars gefeiert. Profitiert die klassische Musik eigentlich von dem Phänomen?

Ich sehe das mit gemischten Gefühlen. Das Gute an der heutigen Zeit ist, dass man als Klassik-Musiker tragen kann, was man will. Man muss nicht mehr einen Frack anziehen wie vor 20 Jahren. Und natürlich ist es wunderbar, Fans zu haben. Musiker in der Klassik-Szene arbeiten so hart, sie verdienen es, geliebt zu werden. Aber vor 20 Jahren war das Ausbildungssystem für Musiker besser als heute. In mancher Hinsicht hatten sie damals eine bessere Grundlage. Das Wichtigste ist, dass wir uns der großartigen Musik widmen und uns nicht korrumpieren lassen. Man muss ja nicht engstirnig sein, aber wir sollten klassische Musik machen, nicht Popmusik.

-Wenn man auf Ihrem Niveau musiziert - kann man sich da überhaupt noch verbessern?

Natürlich. Klassische Musik ist so vielfältig. Es ist unheimlich schwer, alles gut zu spielen. Man muss die Kultur studieren, aus der ein Komponist stammt, und seine Erfahrungen im Leben nachvollziehen. Das ist fast wie bei Opernsängern, die erst eine neue Sprache lernen müssen. Du kannst dir nie leisten, faul zu sein, denn es gibt immer so viele Sachen, die du noch nicht weißt. Alles hängt zusammen: Kultur, Kunst, Klavier.

-Mal ehrlich, wie viel üben Sie am Tag?

Drei Stunden durchschnittlich. Mal mehr, mal weniger.

-Mehr nicht?

Wenn man als Kind sehr hart geübt hat, braucht man das als Erwachsener nicht mehr so viel zu tun. Denn dann kann man sich nicht mehr so sehr verbessern. Die Technik wird in jungen Jahren entwickelt. Es ist wie Fingergymnastik. Als ich 13 war, konnte ich eigentlich jede schwere Passage spielen. Als Teenager gewinnt man dann noch physische Kraft hinzu. Als Erwachsener muss man dann vor allem sein Gehirn trainieren, um sich Noten und Strukturen einprägen zu können. Das ist das Harte am Pianistendasein. Will man Anwalt werden, kann man mit 18 anfangen, hart zu arbeiten. Will man als Pianist Karriere machen, ist es schon zu spät, wenn man mit acht anfängt.

-Haben Sie da nicht das Gefühl, in Ihrer Kindheit etwas verpasst zu haben?

Natürlich. Ich konnte nie so mit Freunden spielen und auch zum Beispiel nicht in Vergnügungsparks gehen wie andere. Das hätte ich mir schon gewünscht. Aber das Gute ist: Ich kann jetzt vieles nachholen. Erst vor ein paar Tagen war ich in Disneyland! Ich bin ja erst 26 und habe noch nicht meine ganze Jugend hinter mir. Und ich hatte Glück, denn mein Traum hat sich erfüllt. Wenn du die ganze Kindheit über übst und nichts erreichst - dann ist sie wirklich verloren.

-Was unternehmen Sie sonst in Ihrer Freizeit?

Ich mache gerne lustige Sachen wie Tischtennis. Sogar Videospiele mag ich sehr gern - natürlich darf ich es nicht übertreiben, wegen der Finger. Aber manchmal tut das einfach gut. Am Klavier muss ich sehr präzise, sehr konzentriert sein, um mir die Noten zu merken. Da muss man aufpassen, dass einem die Festplatte nicht abstürzt. Wissen Sie, was am besten hilft? Nach dem Konzert ein heißes Bad.

Das Gespräch führte Johannes Patzig.

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