Manege frei

- Drei, eigentlich zweieinhalb Zugaben, das stellt die üppig aufgeföhnte Damen- und sorgsam gegelte Herrenwelt ("Bravo, Juan Diego") natürlich nicht zufrieden. Aber nach neun Arien inklusive Turbo-Koloraturen, markerschütternden Stentortönen und einer hoch akzeptablen Kollektion von "Cs" braucht auch die Wunderkehle Entspannung. Auftrag ausgeführt: Alle Erwartungen, die die PR-Maschinerie vor dem Gastspiel im Münchner Herkulessaal geweckt hatte, wurden vom Belcanto-Star aus Peru erfüllt.

<P>Juan Diego Fló´rez, das ist nicht nur der Latino-Traum jubelnder Fans, sondern auch aller Gesangspädagogen: Der geschmeidige Tenor sitzt vorbildlich und unverknödelt, wird bruch- und mühelos zu stratosphärische Spitzen geführt, Koloraturen fluten butterweich, vom Text verstehen selbst Opern-Greenhorns jede Silbe. Und dank des sehr hellen, offenen Timbres kommt Fló´rez auch ohne puterroten Kopf und blutende Stimmbänder übers Orchester.</P><P>Anfangs, in Rossinis "Otello" und "Il Signor Bruschino", wirkte er noch befangen, später, in der fabelhaft phrasierten Arie aus Bellinis "Capuleti e i Montecchi" oder im "Ah, mes amies" aus Donizettis "Regimentstochter" wesentlich freier, unverkrampfter. Minuten, in denen der Schwarzgelockte auch seine Balz mit dem empfangsbereiten Publikum aufnahm. Mäkeln ließe sich allenfalls über den Klang. Denn so ganz hat sich Fló´rez' Schwiegersohn-Charme noch nicht in der Stimme niedergeschlagen. Perfekt attackierte Extremtöne wecken die Assoziation einer Rossini-Trompete, Eleganz, Sinnlichkeit und Erotik bleiben nur Andeutungen (oder aufs Aussehen beschränkt), wo sich Interpretation im Zirzenischen oder in einstudierter Emotion erschöpft _ aber der Mann ist ja noch keine 30.</P><P>Ebenso übrigens wie Dirigent Riccardo Frizza. Dem unterliefen zwar Mini-Hüftschwünge und gelegentlich zuckende Schultern, ansonsten begriff er die Kurkonzert-Ouvertüren à` la Rossini, Bellini und Donizetti als todernstes Geschäft. Das Georgische Kammerorchester zeigte musikantische Spiellust, nahm dabei aber Unschärfen, kleine Schlampereien und ein deftiges Hausmanns-Forte gern in Kauf. Klänge der Heimat unter den Zugaben (eine flauschig arrangierte, peruanische Volksweise), danach noch einmal die verblüffende "Regimentstochter"-Nummer. Fló´rez ging, das Auditorium nicht.<BR></P>

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