NEUERSCHEINUNG

Religion im Faktencheck

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Von Manfred Lütz ist das Buch „Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums“. Erschienen. Zur Rezension.

Die Skandale des Christentums, die kann wahrscheinlich jeder herunterbeten wie ein „Vaterunser“: Kreuzzüge, Hexenverfolgung, Inquisition bis hin zum Kindesmissbrauch in jüngster Zeit. 2000 Jahre Geschichte mit jeder Menge Gewalt, Blut, Machtspielen und Unterdrückung. „Grotesk falsch“ oder auf Neudeutsch „Fake News“ hält Manfred Lütz (Foto: Media21), Facharzt für Psychiatrie, Theologe und Vatikanberater, solchen Vorwürfen entgegen.

Als eine Art „Faktencheck“ versteht der Leiter des katholischen Alexianer-Krankenhauses in Köln sein Buch, das morgen in Berlin von dem Linken-Politiker und Atheisten Gregor Gysi sowie dem designierten Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in der Bundespressekonferenz vorgestellt wird. „Der Skandal der Skandale – die geheime Geschichte des Christentums“ hat Lütz sein Buch genannt, mit dem er Klischees ausräumen und historische Fakten für die gesellschaftliche Debatte liefern will. Dabei bedient sich der 63-jährige Autor eines besonderen Tricks: Die Fakten nimmt er – fachlich unangreifbar – zumeist aus dem schon im Jahr 2007 erschienenen religionsgeschichtlichen Fachbuch „Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert“ des renommierten Kirchenhistorikers Professor Arnold Angenendt aus Münster.

„In dem Buch habe ich Dinge gelesen, die ich sogar als Theologe nicht wusste“, sagt Lütz. Etwa, dass der Toleranzbegriff, wie er heute verwendet wird, eine christliche „Erfindung“ sei, warum die Frauenemanzipation nicht zufällig von christianisierten Gebieten ihren Ausgang nahm. Oder dass die Kreuzzüge keine Heiligen Kriege waren, sondern Verteidigungskriege zum Schutz der Christen im Heiligen Land. Und die Hexenprozesse hätten nicht in großer Masse vor geistlichen Inquisitionsbehörden stattgefunden, sondern: „Hexenprozesse hatten nichts mit kirchlicher Gerichtsbarkeit zu tun, das sagt die moderne Forschung.“ Lütz stellt in dem Buch keine eigenen Thesen auf, sondern er bezieht sich auf den Forschungsstand, insbesondere das Standardwerk von Angenendt. Er zitiert über Seiten zahlreiche Historiker, was meist spannend, mitunter aber etwas anstrengend zu lesen ist.

Manfred Lütz: Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums

Das Problem bei vielen Diskussionen über das christliche Abendland sei, so Lütz, dass viele Menschen gar nicht wüssten, was „christlich“ wirklich ist. Sogar die Christen selber schämten sich heute für ihre eigene Geschichte – ohne sie zu kennen. Man schätze Mutter Teresa und Papst Franziskus nicht deshalb, „weil sie Christen sind, sondern obwohl sie es sind. Man nimmt es ihnen sozusagen nicht übel.“ Deswegen sei Aufklärung so wichtig, und deswegen habe er das Buch geschrieben.

Natürlich könne man sich aus 2000 Jahren Geschichte all jene Ereignisse heraussuchen, in denen getaufte Christen kriminell geworden sind, räumt der Autor ein. Aber er will das große Ganze in den Blick nehmen. Das Christentum, so betont er, habe das Mitleid erfunden. Bei den Römern etwa hätten Behinderte als von den Göttern bestraft gegolten. Auch wer sich mit ihnen befasste, fürchtete den Zorn der Himmlischen. Bei den Christen dagegen hätten Behinderte und andere Menschen in Not im Zentrum gestanden.

Das Buch erhebt den Anspruch, auf 286 Seiten alle sogenannten Skandale des Christentums auf dem heutigen Stand der Wissenschaft allgemein verständlich darzustellen. „Solche Aufklärung ist deswegen dringend nötig, weil der Wegfall des Christentums als verbindende Kraft die ganze Gesellschaft in eine schwere Krise gestürzt hat“, schreibt er. Die einzigen Institutionen, die für die Wertefrage noch relevant seien, sind für ihn die christlichen Kirchen. Und daher dürfen diese nicht diskreditiert werden. Der Autor, der Mitglied der „Päpstlichen Akademie für das Leben“ ist, nimmt daher auch diejenigen ins Visier, die das Christentum heute für ihre Zwecke benutzen. „Menschen, die sich aufs Christentum berufen und nationalistisch argumentieren, die kennen die Geschichte des Christentums einfach nicht“, betont er. Internnationalität sei eine christliche Erfindung.

Der Psychiater und Psychotherapeut sieht in der „Skandalisierung von Christentum und Kirche“ den eigentlichen Skandal. Wenn das Christentum von den „Schlacken jahrhundertelanger Polemik sorgfältig befreit“ sei, entdecke man die geheime Geschichte der Christenheit – „die ungemein spannende wirkliche Geschichte der größten Menschheitsreligion aller Zeiten“. Heute, 23.30 Uhr, ist Manfred Lütz zu Gast in der ZDF-Talkshow von Markus Lanz.

Manfred Lütz: „Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums“.

Herder Verlag, Freiburg,

286 Seiten; 22 Euro.

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