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„Die politische Rechte hat auf Dauer keine Chance“: Dieter Borchmeyer, emeritierter Professor für Neuere Deutsche Literatur.

Interview zum neuen Buch

Manifest gegen den Nationalismus

München - Dieter Borchmeyer, der frühere Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, hat sich in einem umfangreichen Buch mit der Frage „Was ist deutsch?“ befasst. Ein Gespräch über Nationalismus, Populismus und Björn Höcke.

Ein fulminantes, gewaltiges Werk: „Was ist deutsch?“ (Rowohlt Verlag) heißt die über 1000 Seiten dicke Studie des Germanisten und Wagner-Spezialisten Dieter Borchmeyer (75; Foto: Oliver Bodmer). Wir sprachen mit dem emeritierten Ordinarius für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Heidelberg und ehemaligen Präsidenten der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in dessen Münchner Wohnung.

Was ist denn nun deutsch?

Borchmeyer: Wenn man über 1000 Seiten geschrieben hat, dann hat das wohl auch seine Gründe. Einer davon ist eben der, dass man diese Frage so schnell nicht beantworten kann. Ich gehe ja historisch vor und zeichne die verschiedenen Essays zu diesem Thema nach, und natürlich ändert sich die Bestimmung des Deutschen auch im Laufe der Zeit. In den alten Wörterbüchern, also bei Grimm oder bei Adelung, steht unter „deutsch“ „aufrichtig, ehrlich, treu oder rechtschaffen“. Ursprünglich ist „deutsch“ abgeleitet von „Volk“ (ahd. „thioda“) und etymologisch verwandt mit „deuten“ und „deutlich“. Und es kommt dann eben von der Sprache, denn „Deutsch“ meint ursprünglich „theodisca lingua“, „die deutsche Sprache“, in Abgrenzung vom Lateinischen. Es gibt eine Inkongruenz zwischen dem Deutschen im geistigen und dem im politischen Sinne. So hat das Deutsche im 18. Jahrhundert fast ausschließlich eine kulturelle Bedeutung und ist überwiegend verbunden mit der Idee des Weltbürgertums, des Kosmopolitismus.

Die Frage „Was ist deutsch?“ wurde in Ihren Arbeiten zu Goethe, Schiller, Wagner, Nietzsche oder Thomas Mann immer wieder berührt, sie stand aber doch nie im Zentrum Ihrer Forschungen.

Borchmeyer: Sie haben schon Recht, ein solches Buch mit diesem Umfang schreibt sich nur dann in dem überschaubaren Zeitrahmen von zweieinhalb Jahren, wenn bereits vieles im Kopf gewesen ist. Natürlich habe ich auch noch recherchiert, bin gerade, was das Verhältnis von Juden und Deutschen betrifft, auf neue Dinge gestoßen, aber die Grundsubstanz ist mir seit Jahrzehnten vertraut. Es ist schon ein Lebenswerk. Ich hatte auch nicht im Hinterkopf, bewusst einen Beitrag zur Zeit zu schreiben. Dass das jetzt plötzlich eine solche Aktualität bekommen hat, war nicht abzusehen.

Sie skizzieren ein deutsches Selbstverständnis zwischen zwei entgegengesetzten Polen: „welteinschließend-kosmopolitisch“ und „weltausschließend-nationalistisch“.

Borchmeyer: Diese beiden vermeintlich entgegengesetzten Positionen lassen sich nicht so deutlich antithetisch gegenüberstellen. Das ist ein dialektischer Prozess. Gerade der Kosmopolitismus kann leicht umschlagen in Überheblichkeit. Im heutigen Deutschland sehe ich keine wirkliche nationalistische Gefahr. Natürlich gibt es die politische Rechte, aber aus meiner Sicht hat diese auf die Dauer keine Chance. Eine gewisse Gefahr ist dagegen vielmehr, dass man das Nationale in seiner Bedeutung für die Menschen unterschätzt, dass man es unterdrückt. Dann kommen die Geister, die man ignoriert hat, aus allen Ecken hervor. Es gibt mentale Untergründe, die sich nicht rationalisieren lassen. Zu denen gehört auch der Nationalismus. Wenn man so tut, als gäbe es die gar nicht, dann…

…überlässt man sie den falschen Leuten?

Borchmeyer: Richtig. Dann überlässt man sie einer populistischen Rechten. Ich verstehe mein Buch als ein großes Manifest gegen den Nationalismus. Es soll eigentlich eine Argumentationsbasis bieten gegen nationalistische Verirrungen.

Ihr Gang durch die Geschichte macht deutlich, wie schwer wir Deutschen uns mit einer Identität getan haben und immer noch tun.

Borchmeyer: Wir befinden uns sicherlich noch immer in einem Suchprozess. Das ist wohl auch richtig so. Für Nietzsche lautete die Frage deshalb auch nicht „Was ist deutsch?“, sondern „Was ist jetzt deutsch?“. Der Begriff wie die Identität sind in einem dauernden Wandel begriffen.

Können wir den Immigranten denn überhaupt etwas anbieten, mit dem sie sich identifizieren können?

Borchmeyer:  Das ist zunächst natürlich auch ein Schichtenproblem. Diejenigen, die sich darüber Gedanken machen, sind hochgebildet wie etwa Navid Kermani oder Zafer Şenocak. Beide berufen sich auf eine kosmopolitische Tradition und betonen, dass der Orientalismus ja eine deutsche Erfindung sei. Şenocak sagt sogar, dass in den Deutschen sehr viel mehr Orient stecke, als sie heute noch wahrhaben wollten. Für diese Intellektuellen ist Deutschsein eine inklusive Größe, die eben andere Identitäten mit einschließen kann. Şenocak macht aber auch deutlich, dass viele Menschen, die sich bei uns integrieren wollen, mit der typisch deutschen Selbstabneigung konfrontiert werden und auf eine Art Selbsthass treffen. Das ist das eigentliche Integrationshindernis, weil man sich nur integrieren kann, wenn man positive Gefühle, Empathie erlebt. Aber wenn die Deutschen sich selbst nicht mögen, wie sollen Ausländer dann die Deutschen lieben?

Immer wieder stellen Sie optimistisch-utopische Positionen heraus, die von einem Welt-Deutschtum träumten, das in der Lage sein könnte, verbindend zwischen den Völkern zu wirken. Solche Träume haben sich doch mit der EU und Deutschlands Rolle darin zumindest ein Stück weit erfüllt?

Borchmeyer: Deutschland ist nun endlich das, was es immer sein wollte, aber nie sein konnte, nämlich das Land der Mitte. Und Mitte meint hier im Sinne von Thomas Mann eben auch Vermittler zwischen dem Rationalen und Emotionalen, zwischen dem Nationalen und dem Europäischen. Diese beiden Pole muss man berücksichtigen, denn, um es mit de Gaulle zu sagen: Europa kann immer nur ein Europa der Vaterländer sein. Es geht nicht anders, das ist viel zu tief verwurzelt. Und wenn man versucht, so zu tun, als könne man nur europäisch denken, dann passiert eben das, was wir in Ungarn, in Polen, aber auch in Frankreich und bei uns beobachten können: Der Nationalismus kommt wieder auf.

Sie zeigen Parallelen im deutschen und jüdischen Selbstverständnis auf?

Borchmeyer: Ich bin durch mein Buch zu der Überzeugung gelangt, dass es eine deutsche Identität ohne die Juden gar nicht geben kann. Das wichtigste Buch zu der Frage „Was ist deutsch?“ hat ein Jude geschrieben: Erich von Kahler, „Der deutsche Charakter in der europäischen Geschichte“. Allerdings hat der Holocaust auf furchtbare Weise dafür gesorgt, dass die deutschen Juden allein quantitativ nie mehr diese Rolle übernehmen können, wie sie das noch in der Weimarer Republik getan haben, als sie das deutsche Geistesleben mehr als wesentlich bestimmten. Deshalb sollte man wenigstens versuchen, ein freundschaftliches Verhältnis zum Staat Israel zu pflegen. Aber das Schreckliche und Traurige ist, dass man sich mit der Politik des heutigen Israels so gar nicht identifizieren kann.

Nun gibt es ja nicht nur eine deutsch-jüdische Geschichte vor 1933, sondern überhaupt eine deutsche Kultur- und Geistesgeschichte, die zum Teil komplett ausgeblendet wird. Hat also Björn Höcke Recht?

Borchmeyer: Sehen Sie, mein ganzes Buch hat den ethischen und moralischen Anspruch, darauf hinzuweisen, dass wir dem Grauen eines neuen Nationalismus nur dadurch entgegenwirken können, indem wir uns wieder auf die ganze deutsche Geschichte besinnen, nicht nur auf die zwölf Jahre zwischen 1933 und 1945. Wir müssen aus der deutschen Geschichte das Rüstzeug entnehmen, um einem neuen Nationalismus, um Leuten wie Björn Höcke begegnen zu können. Man kann solchen Populisten argumentativ und intellektuell aber nicht widersprechen, wenn man sich nur auf ein Kurzzeitgedächtnis zur deutschen Geschichte verlässt.

Das Gespräch führte Frank Pommer.

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