Das manipulierte Volk

- "Die Tatsache, dass wir Noch-Nicht-Dreißigjährige uns dieser Oper stellen - darin liegt ihre Aktualität. Wir denken, wenn wir uns dafür interessieren, dann interessiert sie auch andere Menschen." Der Regisseur Andreas Wiedermann ist 27 Jahre alt. Und mit einer guten Selbstgewissheit geht er in diesen Tagen zum zweiten Mal in München ins Rennen: Morgen hat in der Allerheiligen-Hofkirche die Oper "Axur" von Komponist Antonio Salieri und Librettist Lorenzo Da Ponte Premiere.

Aber natürlich entdeckte der junge Theatermacher tatsächlich auch einen aktuellen Bezug oder, genauer gesagt, eine Zeitlosigkeit des Werks.

Die autoritätsgläubige Gesellschaft

Wiedermann: "Zum Beispiel Axur, der König von Hormus, tritt auf und sagt: Ich habe alles. Daran leidet er, denn damit hat er nichts. Er besitzt 100 Serails, er kann befehlen, er steht über dem System. Und so ist er eigentlich nicht überlebensfähig. Oder Atar, sein Feldherr: Der ist geradezu autoritätshörig. Er gibt die Verantwortung ab. Im Grunde ist er wie wir; wir Deutsche sind doch eine sehr autoritätsgläubige Gesellschaft. Fremd dürfte uns auch nicht der Oberpriester sein, der nicht das glaubt, was er vertritt. Oder das Volk, das nach dem Tod Axurs nur scheinbar demokratisch einen der ihren wählt. In Wahrheit ist es manipuliert."

Bei Salieri und Da Ponte spielt die Oper im fernen Persien. Und bei Andreas Wiedermann? "In der Allerheiligen-Hofkirche. In der Allgemeingültigkeit unserer Zeit. Wir haben uns nicht festgelegt auf ein Milieu."

Von der Allerheiligen-Hofkirche hatte der in Straubing geborene Regie-Absolvent des Salzburger Mozarteums zwar schon gehört. Aber als er sich im vergangenen Jahr erstmals und gleich mit einigem Erfolg in München mit einer Inszenierung von Glucks "Armide" vorstellte, tat er dies in der Reaktorhalle. Dass sein Schauplatz ein Jahr später die Residenz ist, hat in erster Linie damit zu tun, dass die geräumige, in mehreren Etagen bespielbare Halle zu dem gewünschten Zeitpunkt nicht mehr frei war. Die Salieri-Oper, so der Regisseur, passe aber auch viel besser in den ursprünglich sakralen Raum.

",Axur’ ist ein Werk, in dem nicht mehr wie bei Gluck Allegorien auftreten, sondern hier stehen sich ganz konkrete Kontrahenten gegenüber. Hier kommt all das zur Sprache, womit der Mensch Schindluder treibt. Wie es eben in der Wirklichkeit so ist. Unsere Oper beschreibt eine Kampfhandlung. Und die Allerheiligen-Hofkirche hat etwas von einer Arena." Kämpfen - das muss die freie Musikproduktion allerdings auch.

"Opera Incognita" nennt sich das Gesamtunternehmen, das Andreas Wiedermann zusammen mit dem Dirigenten Ernst Bartmann (30) und ein paar Mitstreitern für Bühne und Dramaturgie gegründet hat. Warum er sich nicht ins Joch eines Stadttheaterregisseurs spannen lassen wollte? Wiedermann: "Weil es Spaß macht, für alles selbst verantwortlich zu sein, also ein freischaffender Regisseur und Produzent zu sein. An den festen Häusern ist es oft so, dass einem die wichtigsten Entscheidungen für eine Inszenierung - nämlich Raum, Besetzung, Bühnenbildner - abgenommen werden. Das heißt, die Zutaten werden geliefert, ohne dass man Einfluss darauf hätte, und nun muss man sehen, daraus ein Menü zu bereiten."

Mit vollem Risiko der privaten Finanzierung

Sein künstlerisches Leben stellt Wiedermann sich anders vor. Wenn das auch finanzielle Unsicherheit bedeutet. Für "Axur" etwa tragen er und sein Team das volle Risiko einer privaten Finanzierung. Irgendwie klingt da so etwas wie Stolz mit. Stolz auf diesen Mut. Und das in einem Land, dessen Menschen, wie er findet, "im allgemeinen viel zu risikoscheu sind".

In München gibt es fünf Vorstellungen von "Axur", im Anschluss daran geht die Truppe damit nach Salzburg. Wenn's gut läuft, wird man die für diese Produktion gemachten Schulden zurückzahlen können. Und sich in aller Ruhe auf die nächste Oper in einem Jahr vorbereiten können.

Wiedermann: "Wir versuchen, uns geschichtlich nach vorn zu arbeiten. Salieri war ein Schüler Glucks, und wenn wir 50 Jahre weitergehen, sind wir wohl in der Romantik angekommen." Auch da darf man sicher sein, dass sich Wiedermann und seine Leute nicht auf allzu Bekanntes stürzen, sondern ein Werk wählen, das ihrem Namen entspricht: Opera Incognita. Andreas Wiedermann: "Das heißt, unbekannte Leute machen unbekannte Opern."

Karten unter Tel 54 81 81 81; www.axur2006.de

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