Mann mit Appetit

- Um das Leben des englischen Richters Savage zu beschreiben, kommt man mit dem Begriff "doppelt" nicht weit. Er zeigt allenfalls an, dass diese Geschichte aus zwei Perspektiven gleichzeitig gesehen und erzählt werden kann: als Seifenoper mit einem zynischen Grinsen. Oder, getragen von mitfühlender Bestürzung, als unvollendete Tragödie. Unvollendet deshalb, weil es niemals zur Katastrophe kommt, obwohl alles auf sie zuläuft und Richter Savage ihr auch noch zuarbeitet. Ein Vielfach-Leben also führt der Held von Tim Parks' aktuellem Roman "Doppelleben": Gerade wurde er zum Strafkammerrichter Ihrer Majestät ernannt, der erste Farbige an seinem Gericht in dieser Funktion. Mit einer Klavierlehrerin führt er eine vorbildlich zerstrittene Ehe. Seine Tochter Sarah wird über pubertäre Probleme hinaus immer verhaltensauffälliger.

<P>Gewitzter Erzähler</P><P>Dies ist die Ausgangssituation in der der umtriebige Richter beschließt, keine Affären mehr zu haben. Aber auch Nebenleben, einmal begonnen, verlangen mitunter nach Fortsetzung. Deshalb fängt Savages Lügerei hier erst richtig an. Wie bereits im Roman "Schicksal" bildet Tim Parks, der so gewitzt pointierende Erzähler, den Gedankenfluss seines Protagonisten ab, mit allen Seitenarmen und Verästelungen. Genau das macht den Reiz seiner Prosa aus: Während Savage die eigene Chose vor Augen hat, sich innerlich verhört und für sich plädiert, führt er am Gericht seine Prozesse. Immer ist klar, auf welchen Erzählstrang sich Parks' kurze Sätze gerade beziehen. </P><P>Indem sie aber bunt durcheinander wirbeln, dem Richter das Hirn zermartern und wie zufällig hintereinander geraten, kommentieren sie einander. Diese Kunst beherrscht Parks in Vollendung: "Eine Nacht zusammen in aller Freundschaft, warum nicht? Du bist frei und kannst helfen, wem du willst, und du darfst jeder, der du willst, auch ein bisschen näher treten", so Savage, an Minnie denkend, deren Sippe Menschen und Drogen schmuggelt und die hilflose Koreanerin unter Druck setzt. <BR><BR>"Das waren sie wohl", überlegt der Richter während einer komplizierten Verhandlung über jugendliche Steinewerfer, "die beiden Fixpunkte seines Charakters: Hilfsbereitschaft und Wollust. Ein Mann der Moral, aber mit Appetit! Die Zusammenfassung im Prozess gegen die Steinewerfer musste wieder zu einer beispielhaften Vorstellung geraten." Richter Savage, obgleich selbstgerecht und überheblich, rührt einen, wenn er immer wieder zwischen die Räder von Intrigen und Missgeschicken gerät, die wiederum seiner doch vorhandenen Aufrichtigkeit und Gutgläubigkeit entspringen. Am meisten wundert ihn, dass es ihn dabei nicht zerreibt. <BR><BR>Furchtlos blickt er seiner Suspendierung entgegen - aber sie erfolgt nicht. Auch dies ein Zeichen der von ihm kaum registrierten Diskrepanz zwischen innerer und äußerer Wahrnehmung: das verwirrte, manchmal gar ein wenig naive richterliche Inlett, das wie eine Teddyfüllung herausquillt, sobald sein schmuckes Äußeres zerrissen ist. Und der ehrenwerte Richter, den die Männer hochachten und die Frauen dazu noch verführerisch finden. Ein Versuch des Richters, einen Prozess über sich selbst zu führen, ist dieser vergnügliche Roman: Motive und Tathergänge trägt er zusammen, um schließlich lapidar zu urteilen, "dass er des Nicht-Begreifens schuldig war".</P><P>Tim Parks: "Doppelleben". <BR>Aus dem Englischen von Michael Schulte. <BR>Verlag Antje Kunstmann, München. <BR>440 Seiten, 24,90 Euro.</P><P> </P><P>Das Buch über unseren Partner amazon.de bestellen: <BR> Tim Parks: "Doppelleben". </P>

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