Der Mann mit Kamera 4

- Der wichtigste Mann ist nicht der mit dem akkuraten Scheitel. Oder der, dessen Erscheinung gemütliche Wohlbeleibtheit ausstrahlt, verbunden mit einem lustigen Blinkern im Augenwinkel. Oder gar derjenige, dessen Anmoderation mindestens dreimal in leicht lallender Textunsicherheit versackt. Nein, bedeutender als Dirigent Christian Thielemann, Tenor Ben Heppner und Sprecher Christian Quadflieg ist an diesem Abend der Mann an der Kamera 4.

Denn der wuselt mit seinem Gerät ständig durch den Mittelgang, quert an der Rampe von rechts nach links und retour die Bühne, saugt sich mit seinem Objektiv an Geigensaiten, Notenblättern und schönen Philharmonikerinnen fest, bis sich im Parkett Unmut regt. Aber das kommt eben davon, wenn im Ehrenhof von Schloss Herrenchiemsee zur "Sommernachtsmusik" gebeten wird - und das ZDF solch romantisches Allerlei zwischen "Forelle" und "Liebestod" aufzeichnet.

Statt lockerer Open-Air-Laune also geschäftsmäßige Studio-Stimmung: Beim Eingang wurde die Besucherherde angetrieben, endlich die Klappstühle anzusteuern, ein smarter Herr vom ZDF ließ kurz vor Beginn alle probeklatschen, nach dem "Erlkönig" wurde die Aufzeichnungskassette gewechselt. Und Quadfliegs Ansagen blieben absturzgefährdete Momente, die die Sendeleitung wohl an den Rand des Infarkts brachten.

Dabei waren die Zutaten für das Wagner-dominierte Programm doch allererste Sahne: Die Münchner Philharmoniker bewiesen mit Thielemann ihre überragende deutsch-romantische Kompetenz. Ricarda Merbeth sang, obgleich heftig grimassierend, eine emphatische "Hallen-Arie" aus dem "Tannhäuser". Ben Heppner, als Webers "Freischütz"-Max noch in der vokalen Anflutungsphase, führte bei "Meistersingern" und "Lohengrin" vor, wie locker und nuancenreich deutsche Helden klingen können. Und Anne Sofie von Otter, nicht zur schwerblütigen Oper passend, wurde quasi eingeschoben: mit orchestrierten Schubert-Liedern, mit Fremdkörpern also, die der natürlich und intelligent gestaltenden Schwedin aber zusammen mit Thielemann die Krone des Abends sicherten.

Der schien manchmal genervt vom "Event", gab indes mit Vorspielen aus "Lohengrin", "Meistersingern", vor allem mit "Isoldes Liebestod" Kostproben seiner konkurrenzlosen, finessenreichen Wagner-Kunst. Wie viel dem ZDF solch (finanzielle) Anstrengungen wert sind, zeigt sich am Sendetermin: Das Konzert wird am 4. September auf die nächtliche Stunde ab 23 Uhr verbannt.

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