Mann und mäkelnde Masse

- Als ob es noch schnell ins Programmheft gelegt wurde, so wirkt dieses Blatt. Die Auflistung imponiert, protzt mit Ambition, und das dürfte die von der Ablösung bedrohte Intendanz auch beabsichtigt haben: In der Ära von Klaus Schultz stemmte das Gärtnerplatztheater bislang acht Musiktheaterwerke des 20. Jahrhunderts. Kleine Unglücke passierten (1997 Günter Bialas' "Aus der Matratzengruft"), aber auch Überraschungserfolge wie Awet Terterjans "Das Beben" (2003), von dessen Strahlkraft das Haus noch immer zehrt.

Klemm dirigierte souverän

Nummer neun auf Schultz' Liste ist nun "Majakowskis Tod", das 1998 in Leipzig uraufgeführte Opus des heute 75-jährigen Dieter Schnebel. Der Münchner Premierenjubel mag eine Art "Beben II" suggeriert haben, doch an den 2003-Triumph knüpft die aktuelle Produktion nicht an. An Schnebel liegt das weniger. Dem Schicksal des georgischen Dichters, der die Revolution Lenins feierte, an ihrem Verlauf, an seinem moralischen Anspruch und an einer unglücklichen Liebe zerbrach, begegnet Schnebel mit einem "Opernfragment", das als dritter Akt eines umfangreicheren Stücks geplant war - und nun das Fragmentarische zum strukturellen Prinzip erhebt. Legt Majakowskis Tragödie große, dramatische Gesten nahe, so überrascht fast, mit welcher Dezenz und ausbalancierter Klanglichkeit Schnebel arbeitet. Die Musik stellt sich nicht aus, muss nichts beweisen, zeugt vielmehr von großer Selbstsicherheit. Satzzerlegungen und Wortdestillate, rhythmisiertes Sprechen, auch Geräuschhaftes wie Atmen und Schnaufen des Chores sind nicht nur Element oder Experiment, sondern souverän in den Zusammenhang integriert. Anderes verweist auf Früheres: die Vokalisen als zeitlupenartige Barock-Verzierung, das "verunreinigte" Dur des Beginns, die rezitativischen Momente, das ausdrucksstarke Melos, auch das Ende, mit dem ein klassisches Requiem assoziiert wird. Wie überhaupt "Majakowskis Tod", bedingt durch die schlaglichtartigen Szenen, gern ins Oratorisch-Statische driftet. Eine heikle Aufgabe für die Regie, zumal Schnebel mit doppelten Figuren arbeitet: Titelheld und Geliebte existieren singend und sprechend.Regisseurin Florentine Klepper sorgte sich merklich um eine fassbare Verbildlichung, stellte sich klug hinters Werk und zitierte mit ihrer Ausstatterin Chalune Seiberth immer wieder die Ästhetik und Atmosphäre der Majakowski-Zeit, ohne alles in historisierende Ferne zu rücken. Die erste Szene, Majakowskis Streit mit der Menge, ist besonders problematisch, beschränkt sich das Stück hier fast auf reine Schauspielmusik. Das Duo Klepper/Seiberth erzeugte skurrile Stimmung allein durch die Hörsaal-Anordnung: der dozierende Dichter am Pult, der mäkelnde Chor auf gestaffelten Galerien, alles überblendet von raffinierten, auch amüsanten Video-Projektionen (Bastian Trieb). Hier wie später wandten sich indes die Hauptpersonen nicht an ihr Gegenüber, sondern ans Publikum. Manche Aspekte blieben dadurch unterbelichtet, vor allem die Beziehung des Dichters zu seinen Frauen und zu seinem anderen Ich. Am konzentriertesten war die Inszenierung daher ohne allen Zierrat, also am Ende, wenn der doppelte Majakowski ein letztes Mal mit Nora zusammentraf. Momente, in denen die Musik nicht mehr mit Bildern konfrontiert und dadurch fast verdrängt wurde. Dennoch eine Produktion, die von der großen Kompetenz des Theaters in Sachen Moderne zeugt. Bassist Holger Ohlmann, hier ungewohnt als fast nur sprechender Majakowski, gab diesen zwischen Dauer-Zynismus und pathetischer Verzagtheit. Ohlmann agierte mit großer Verve, demonstrierte aber ungewollt, dass man sich in der Rolle auch gut einen echten Schauspieler vorstellen könnte. Egbert Junghanns (Majakowski II) gewann gerade aus der Zurückhaltung Intensität, sang mit liedhafter Tonschönheit. Rotraut Arnold und Martina Koppelstetter erzielten als doppelte Lilja starke Wirkung, ebenso Anna Palimina in der Rolle der heikel notierten Nora. Der Mann des Abends allerdings stand im Graben: Ekkehard Klemm hatte das Ensemble mit bewundernswerter Souveränität auf das Werk eingeschworen, bot mit Chor und Orchester (inklusive in den Rängen postierter Musiker) eine Interpretation von großer Plastizität und Nachvollziehbarkeit. Ein besserer Anwalt ist für den - ebenfalls gefeierten - Komponisten schier nicht vorstellbar: Welch Jammer, dass Klemm das Gärtnerplatztheater verlassen hat und nur noch als Gast vorbeischaut. Wo man sich ihn doch so gut als Chefdirigenten vorstellen könnte.

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