Mann in der Mitleidskrise

- Etwas verunsichert schaut er sich um. Die Männer, bewacht vom Militär, laden in einer Straße gerade Steine ab. Berliner Mauer. Der Bau beginnt. Dieses eine Foto der berühmten Serie "Mann ohne Eigenschaften" von Matthias Wähner ist ab Freitag auch in der Ausstellung "Mitleidskrise" im Ismaninger Kallmann-Museum zu sehen. Mit dem Zyklus wurde der gebürtige Berliner (1953 geboren), der schon lange Münchner ist und an der Kunstakademie unterrichtet, bekannt.

Der Künstler hatte sich Anfang der 90er-Jahre, als die digitale Fototechnik ihre Reize entfaltet, in zum Teil legendäre Fotografien eingeschmuggelt. Er hielt nicht nur Händchen mit Filmstars, sondern kniete auch in Warschau neben Brandt oder fixierte im Vietnamkrieg das nackte Mädchen, das den Schmerz der Napalmverbrennung hinausschrie.

Mit Hilfe des Goethe-Instituts reiste der "Mann ohne Eigenschaften" um die Welt. "Das Digitale interessierte mich nicht so sehr. Das war damals das Selbstouting eines 40-Jährigen, der alles mitgemacht hat. Sein Beitrag zum Weltgeschehen ist das Geschehenlassen, was andere tun. Wenn man sich das eingesteht, braucht man eine Flasche Whiskey. Das war ein Rechenschaftsbericht." Jetzt, über zehn Jahre später, geht Wähner weniger streng mit sich um. "Rosi - Rosemarie Trockel - hat eine Retrospektive ihres Werks in Köln ,Menopause’ genannt. Da habe ich mir als Mann nach 30 Jahren Emanzipation nicht die ,midlife crisis’ ausgesucht, sondern die ,Mitleidskrise’", beschmunzelt der Anfangfünfziger die Frage nach dem vielschichtigen Titel seiner Präsentation. "Es geht natürlich ums Älterwerden. Aber nachdem nun die letzten allerjüngsten Kollegen aus Polen gezeigt wurden, rufen die Ausstellungsmacher wieder bei so einem wie mir an. Das nennt sich tatsächlich ,midcareer artist’ . . ."

"Humor ist eine Form der Seelenhygiene." Matthias Wähner

Arbeiten aus 20 Jahren sind in dem Orangerie-ähnlichen Bau im Schlosspark versammelt, "die ich selbst lange nicht mehr gesehen habe". Man sei auf ihn zugekommen, und er "liebe Provinzmuseen", weil man als Künstler dort sehr viel eher willkommen sei als an so manchem großen Haus. Gleich am Eingang der engagiert geführten Ismaninger Institution bedrohen einen überlebensgroße Schlägertypen. "Das ist Castro", erzählt Wähner. "In Kuba spielt man gern und gut Baseball. Ich habe dort ein Foto aus den 60er-Jahren von ihm gefunden - und ihn gespiegelt: Castro in Uniform spielt nur noch gegen sich selbst."

Politik, Analyse, Kritik - aber immer mit Humor werden zu Matthias Wähners Form in Fotos, Installationen oder Videos. Und im Wort, denn die Titel gehören zwingend zum Werk. Wenn "Black Jack" ein afrikanisches Kind mit dazugekritzelter Narrenkappe zeigt, das betteln muss, dann ist das ein knapper, gnadenloser Kommentar zu unserer Haltung Afrika gegenüber. "Ich bin ein Politischer, das kriegt man nicht raus. Ich versuche, mir selbst die Welt zu erklären. Das ist das Schöne, dass die Gesellschaft dem Künstler erlaubt, in seinem Spielzimmer zu bleiben." Dort konstruiert Wähner eine ästhetische Wirklichkeit, die mehr Wahrheit enthält als die so genannte authentische Realität. Deswegen hätte er gern sein "Kriegskabinett" nach Ismaning geholt. Aber das Münsteraner Museum war nicht kooperativ. Schon in seinen "Warshots" zum Kosovo, zu Afghanistan und zum Irak ballte Wähner die weltweite Propaganda-Kommunikation im Internet zu pointierten Aussagen. Kombiniert mit echten (Albert Speers Diagramm seiner Hofgänge im Gefängnis) und "echten" Exponaten wie Rommels Schampus-Flasche aus der Wüste ergeben sie das zu erweiternde "Kabinett".

Der freche Verunsicherungs-Witz lauert auch hinter "Grodek", "meinem ,Jägerstüberl’, einem Täter-Opfer-Raum im klassischen Sinn". Zahllose Astgabel-Zwillen bedecken wie Gämsenkrickel die Wände, dazwischen Fotos von Spaziergängern im Winterwald.

Die Idee dazu kam von einer Zeitungsnotiz: Männer in Jugoslawien gingen für Schießübungen in den Wald - um Zivilisten besser abknallen zu können. Diese Geschichte berichtet er, von der Installation ist sie aber nicht ablesbar: "Das ist für mich ein Problem, immer noch. Gerade weil ich möchte, dass ein Kunstwerk aus sich selbst spricht. Titel oder Katalogtext müssen da helfen."

Vermittlungsprobleme gehen auch den Kunstpädagogik-Professor an. "Ich bin ein überzeugter Lehrer. Kunst und Lehrer passen wunderbar zusammen." Erschüttert ist Matthias Wähner von der bayerischen Bildungspolitik, die den Kunstunterricht schon in der Mittelstufe zusammengestrichen hat und auch in der Oberstufe den Leistungskurs Kunst tilgen will - "nicht aus sachlichen Gründen, sondern weil Fehlplanung geduldet wurde".

3.3.-7.5., täglich außer Mo. 14.30-17 Uhr, Schlossstraße 3b, Tel. 089/ 961 29 48.

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