Mann ohne Eigenschaften - Nachrichten aus dem Rock-Olymp: Hommage an die Sänger-Ikone Ian Curtis von "Joy Division"

München - Es sieht aus wie irgendwo im Osten. Damals, als der Sozialismus noch real existierte. Monotone, kasernenhofartig angeordnete Schlafbunker reihen sich aneinander. Die Straßen sind leer, die Gesichter auch. Tief unten in den Kellern sitzen ein paar zornige junge Männer und machen Musik. Laut. Sehr laut.

Anschließend gehen sie nach Hause, und am nächsten Morgen arbeiten sie in der Stadtverwaltung. Bis die jungen Männer eines Abends auftreten. Ihre Wut entladen. Sänger Ian Curtis (1956- 1980) seinen Zorn hinausschreit. Am nächsten Tag erhält die Band "Joy Division" aus Manchester ihren ersten Plattenvertrag.

Doch wachsender Erfolgs- und Erwartungsdruck fordern rasch Tribut: Curtis, mit 19 Jahren verheiratet, kurz darauf Vater, fühlt sich von der Doppelbelastung Tourleben und Familiendasein überfordert. Erschwerend kommen Depressionen und Epilepsie hinzu. Beides verschlimmert sich durch den steten Drogen- und Alkoholkonsum rasant.

Noch 27 Jahre nach dem Ende der Band bewegt sich die Verehrung für "Joy Division" in überraschenden Dimensionen. Kenner beschreiben sie heute als Bindeglied zwischen den Beatles und Nirvana. Der Einfluss von "Joy Division", die zur Provokation der biederen Landsleute gerne mit Nazisymbolen hantierten, auf Postpunk und Wave war groß. Zweifellos war Ian Curtis als Frontmann eine ähnlich charismatische Figur wie Jim Morrison oder Kurt Cobain. Aber wie bei jenen erhob erst Curtis' früher Tod Sänger und Band in den Rock-Olymp.

Auf diese Heldenverehrung des in der Schlacht um die ewige Jugend Gefallenen konzentriert sich der Fotograf Anton Corbijn in seinem Regiedebüt "Control". Wer mit Corbijns Bildern vertraut ist, für den dürfte die Schwarzweiß-Ästhetik kein Novum darstellen. Kühl, nüchtern, distanziert bis zur Gleichgültigkeit ist Corbijns Blick auf seinen von Tragik umwehten Helden Curtis, den Sam Riley mit einer geradezu beängstigenden Perfektion darstellt. Für Corbijn ist Curtis ein zwischen allen Stühlen Sitzender, innerlich zerrissener und immer einsamer Mensch. Zu viel gewollt, im falschen Leben gelandet, mit einer tückischen Krankheit geschlagen, erweist sich der Star der britischen Befindlichkeitsrocker als ein moderner Mann ohne Eigenschaften.

Dramaturgisch dagegen ist "Control" eher schlicht. Die Dialoge scheppern öfters. Die Biografie wird sklavisch nacherzählt. In einigen Szenen verschenkt die Kamera intensive Momente. Corbijn erzählt ein Leben, das von Leiden und Leidenschaft bestimmt wurde. Doch diese Gefühle, die seine Fotografien auszeichnen, kann er im Film nicht greifbar machen. Kameramann Martin Ruhe arrangierte aber die betörend prägnanten Bilder zu einem faszinierenden, eleganten Reigen, der visuell neue Maßstäbe setzt. (In München: Atlantis und Cinema sowie Museum OV, Monopol-Kinos).

"Control"

mit Sam Riley, Samantha Morton

Regie: Anton Corbijn

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