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Weltweit einmaliges Rokoko-Juwel: Mitte Juni wurde das Cuvilliés-Theater mit Mozarts „Idomeneo“ und Schimmelpfennigs „Idomeneus“ wiedereröffnet.

Bilanz-ABC

Manna für die Ausgehungerten

Zwischen Panzern, Provokateuren und Propheten: Ein Rückblick auf das Kultur-Jahr 2008

Wie gewohnt, war das Kulturangebot in München und Umgebung auch im Jahr 2008 üppig und vielfältig. Die Bayern sind halt kunstnarrisch und verstehen zu genießen. In unserem Rückblicks-ABC, das natürlich nicht alles registrieren kann, erinnern wir an Großartiges und Enttäuschendes, an Entdeckungen und Langweiliges.

Ariadne auf Naxos“: Ausgehungert waren Münchens Opernfans nach Richard Strauss. Eine Erfüllung war die Festspiel-Premiere, dafür gab’s vokales Manna mit dem Trio Adrienne Pieczonka, Diana Damrau und Daniela Sindram. Mit Thomas Bernhards „Am Ziel“ rollte das Residenztheater im Sommer Cornelia Froboess den roten Teppich aus. Und sie bedankte sich mit einem grandiosen Fast-Solo in Schauspielkunst.

Bachler, Nikolaus: Die Bayerische Staatsoper hat, nach einer reizlosen Interimszeit, endlich einen neuen Intendanten. Der will alles anders machen, doch auf der Bühne gab’s im Oktober altbackenes Provokationstheater mit „Macbeth“. Das Bayerische Staatsballett bot nicht nur im Frühling eine Festwoche, sondern „lehrt“ jetzt im Winter, wie das Ballet Russe den Tanz revolutionierte.

Cuvilliés-Theater. Das traumhaft schöne Rokoko-Juwel wurde Mitte Juni nach der Sanierung wiedereröffnet: mit Mozarts „Idomeneo“ und der Uraufführung „Idomeneus“ von Roland Schimmelpfennig.

Denkmalschutz. Das Bayerische Landesamt feierte sein 100-jähriges Bestehen mit einer Serie von Ausstellungen. Wie wandelten sich die Arbeitsweisen und wo liegen die riesigen Gefahren heute?

Eliasson, Olafur. Der begehrte Künstler beehrte 2008 auch die Pinakothek der Moderne und BMW, indem er ein Autogerippe in einem Eispanzer erstarren ließ – aus jetziger Wirtschafts-Sicht eine prophetische Aussage.

Franz-Marc-Museum. Im Juni wurde die großzügige Erweiterung des vorher winzigen Kocheler Museums eingeweiht. Architektur, Hängung und die qualitätsvolle Sammlung begeistern.

Gott des Gemetzels“ – Dieter Dorns Inszenierung von Yasmina Rezas abgründigem Zwei-Paare-Stück (Residenztheater) war der Theaterknüller des Jahres. Einen gewichtigen Geburtstag feierte die Staatliche Graphische Sammlung. Das 250-Jahre-Jubiläum wurde im Frühling mit einer imposanten Leistungsschau von Rembrandt bis Baselitz begangen.

Hass“ nach dem Film von Mathieu Kassovitz und „Hiob“ nach dem Roman von Joseph Roth (Kammerspiele), ziehen ihre Kraft aus theaterfremden Formen. Im ersteren Fall ein Flop, im zweiteren eine sympathische Inszenierung von Johan Simons.

IMasnadieri“ war im März der Überraschungserfolg am Gärtnerplatztheater. Früher Verdi funktioniert hier bestens. Dem Deutschen Theater hatte man im Fröttmaninger Ausweichquartier von Herzen alles Gute gewünscht. Der Start im neuen Zelt geriet mit „In nomine patris“ zum Fiasko. Die Produktionsfirma ist mittlerweile pleite.

Jüdisches Museum. Es wurde ein Jahr alt, hat sich aber schon fest im Ausstellungsreigen etabliert. Höhepunkte waren/ sind die Schau über die Galerie Thannhauser mit Juwelen der klassischen Moderne und die noch laufende, bewegende Präsentation „Stadt ohne Juden – Die Nachtseite der Münchner Stadtgeschichte“ (bis 30. 8. 09).

Kandinsky. Mit „Absolut. Abstrakt“ (bis 22. 2.) ist dem Lenbachhaus der absolute Kunst-Höhepunkt ’08 gelungen. In Zusammenarbeit mit Paris und New York sowie mit Leihgebern aus aller Welt hat man die Kandinsky-Schau schlechthin gestemmt. Kandinsky kam übrigens wegen der Kunstakademie nach München. Und die feierte 200. Geburtstag unter anderem mit einer umfassenden Präsentation im Haus der Kunst.

Limes. Diese paneuropäische Grenzanlage strebt den Status Weltkulturerbe an. In der Archäologischen Staatssammlung schilderte ab April eine Schau über den bayerischen Limes, was die Römer hier bewirkten. Einen angesagten Künstler holte sich das Haus der Kunst mit Luc Tuymans und widmete ihm eine umfassende Werkschau.

Münchenfeierte sein 850-Jahre-Jubiläum. Wichtigste Hommage ist die neue Dauerausstellung „Typisch München“ im Stadtmuseum, ein buntes Kaleidoskop urbaner Geschichten. Das Schlossmuseum Murnau feierte sein 15-jähriges Bestehen mit einem Leckerbissen: Vor 100 Jahren starteten gerade in dieser Gemeinde Kandinsky und Münter, Jawlensky und Werefkin in die Moderne.

Nagano, Kent: Der Chefdirigent der Bayerischen Staatsoper bleibt nicht jedermanns Sache. Alban Berg liegt ihm, bei Mozart und Tschaikowsky fremdelt er. Manch einer verwechselt sein Image (der analytische Tüftler) mit dem Ergebnis. Sein Vertrag wird aber wohl verlängert.
Olaf-Gulbransson-Museum. Das Tegernseer Haus für Zeichnungen des „Simplicissimus“-Könners und für Cartoons generell wurde durch einen unterirdischen Bau erweitert.

Prozess“ nach Kafkas Roman an den Kammerspielen. Mit dieser bildmächtigen Adaption bescherte Andreas Kriegenburg dem Theater einen Höhepunkt.

Qualitätkönnen die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in ihren Beständen nur sichern, wenn sie Schenkungen erhalten, denn ein Ankaufsetat ist mit weniger als 50 000 Euro de facto nicht vorhanden. So ist man umso glücklicher, wenn Schätze wie die Sammlung Stoffel – bis 28.2. in der PDM zu sehen – nach Bayern gehen.

Residenztheater. Das Staatsschauspiel ist heuer von allerhand Unglück und Fehlentscheidungen gezeichnet. Andrea Breth gab die Inszenierung von Botho Strauß’ „Molières Misanthrop“ zurück. Der junge, unerfahrene Ersatzmann scheiterte und wurde abgezogen. Es kam eine Not-Inszenierung auf die Bühne. Kroetz’ Version von „Das Haus der Bernarda Alba“ (García Lorca) platzte im Streit zwischen Regisseur und Darstellerinnen. Dafür bietet das Volkstheater einen sehr sehenswerten „Richard III.“.

Staatsbibliothek, dieses unermessliche Schatzhaus unserer Heimat und der Kultur der Welt besteht 450 Jahre. Klaus Schrenk, Museumschef in Karlsruhe, wurde im Juni zum neuen Generaldirektor der Staatsgemäldesammlungen ernannt. Er tritt das Amt im März 2009 an. Das Haus der Kunst fiel auf die an sich gute Idee des Centre Pompidou, „Spuren des Geistigen“ (bis 11.1.), herein und hat nun eine wirre Ausstellung am Hals.

Trauma: Einen akustisch aktzeptablen Konzertsaal sucht man in München noch immer vergebens. Da der Freistaat zum Projekt Marstall, das sich das BR-Symphonieorchester so heftig wünscht, auf stumm schaltet, läuft alles auf eine Umgestaltung der Philharmonie hinaus. Aber ist der Gasteig noch zu retten?

Umbau des Lenbachhauses. Der Stadtrat hat den Entwurf von Architektur-Star Norman Foster sowie die Kosten abgesegnet. Eine kleine Schau zeigt, wie sensibel der Brite vorgeht und was uns erwartet (bis 22. 2.).

Valentin-Musäum. Endlich wurde das verwunschene Präsentationseckchen im Isartor kräftig durchgelüftet. Auf engstem Raum ist eine so informative wie witzige Darstellung Karl Valentins und Liesl Karlstadts gelungen. Übrigens zeigt das Theatermuseum noch eine Schau über Valentin als Medienpionier (bis 11. 1.).

Wozzeck“ in der Regie vo Andreas Kriegenburg war im November ein Glücksfall für die Bayerische Staatsoper: packende, bewegende und erschütternde 90 Minuten mit dem denkbar besten Sänger für die Titelrolle: mit Michael Volle.

XYsteht für Unbekanntes. Die Alte Pinakothek entdeckte zum Beispiel den Barockmaler Ulrich Loth wieder, der für Bayern aber recht prägend war.

Zweite, Armin: Er trat im Januar 2008 sein Amt als Leiter des Brandhorst-Museums an. Eröffnung ist im kommenden Frühjahr.

von Simone Dattenberger und Markus Thiel

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