Das Manna der Dichter

- Jostein Gaarder scheint vor Aphorismen und Ideen überzuquellen. Wie sein Held Petter Spinnenmann als "Der Geschichtenverkäufer". Naturgemäß fällt dem Autor des Bestsellers "Sofies Welt" zum Stand der Literaturszene, stellvertretend für den Kulturbetrieb, viel Bemerkens-, Bedauerns- und Bewundernswertes ein. Und all das hat er in seinen neuesten Roman gepackt. Doch nicht etwa die soundsovielte, Nabel-beschauliche Buchmessen-Satire entstand unter Gaarders Feder, sondern ein Märchen, in dem Gut und Böse kaum mehr zu unterscheiden sind. Ein Lehrstück auch, in dem das Land der Fantasie säkularisiert und in einen freien Markt für käufliche Ideen übergeführt wurde.

<P>Sein Petter Spinnenmann hat nämlich zum Geschäftszweig ausgebaut, was ihm in die Wiege gelegt wurde: eine überschäumende, fast nicht kontrollierbare Fantasie. Schon als Knirps umgarnt er die Mutter mit Geschichten und macht dem Kinderfunk Vorschläge zur Verbesserung des Programms. Und weil seine Gedanken so frei und springlebendig sind und er sie mit immer neuem Stoff füttern muss, ist er maßlos wissbegierig, dementsprechend intelligent und auch noch geschäftstüchtig: Erfolgreich vermarktet er seine Schulleistungen in einem Hausaufgabenhilfswerk. Petter ist seiner Umgebung immer viele Geistesblitze voraus, ein Vordenker, ein Besserwisser und bis hierher ein langweiliger Romanheld: Eitel und selbstverliebt und darin eindimensional ist dieser Ich-Erzähler. Dass er das Muster eines Musterschülers noch übertrifft, indem er auch den Lehrern hilft, ist immerhin eine der weniger absehbaren Varianten des zunächst auf 60 Seiten ausgedehnten Motivs.</P><P>Dann endlich wird das Hausaufgabenhilfswerk zum Autorenhilfswerk umstrukturiert, was ein wenig zu nett klingt, da es sich dabei weniger um eine Bahnhofsmission für vagabundierende Schriftsteller-Existenzen handelt als um einen hochkarätigen, gut bezahlten Plot-Dienstleister. Was sein überaktives Hirn an Geschichten ausstößt, verkauft Petter wohl überlegt an denjenigen Autor, der ihm zur Umsetzung des Stoffes am geeignetsten erscheint. Allmählich wird er zur grauen Eminenz des Literaturbetriebs: "Die Spinne" hält die Fäden in der Hand.</P><P>Eine beeindruckende Produktpalette entwickelt Petter, und wie Gaarder das Manna der Dichter entmystifiziert und zum kapitalisierbaren Gut wandelt, hat viel bösen Witz. Während er den Erzähler fleißig Aphorismen sammeln und über deren Absatz sorgfältig Buch führen lässt, bringt Gaarder überdies seine eigene Aphorismen-Sammlung an den Leser: unausgeführte Romanideen, die mehr ermüden denn unterhalten, erst recht, wenn sie wiederholt werden.</P><P>Gedankensplitter des Helden, die dessen eigenes Handeln fragwürdig machen und ihm allein wegen ihrer Originalität aufgepfropft zu sein scheinen: "Respekt vor der postumen Ehre ist in der postmodernen Zivilisation so gut wie nicht vorhanden. Das Leben ist ein Vergnügungspark, und wir denken nicht über die Öffnungszeiten des Rummels hinaus", heißt es zum Beispiel zur Schamlosigkeit der bedienten Autoren.</P><P>Und schließlich lässt Gaarder den immer inkonsequenter erscheinenden Petter denken: "Wir gehören einer Sippe an, die mit Wörtern um sich wirft. Wir produzieren mehr Kultur, als wir verdauen können", mit Verweis gar auf Nietzsche. Spätestens jetzt erhalten die beiden dem Roman vorangestellten Zitate eine neue Dimension: Von einer notwendigen Kultur-Verdauungspause ist da die Rede, auch von der Befreiung von der Welt der Medien und kulturellen Meinungsmacher als Schritt zurück in die Wirklichkeit. Ein Manifest für die Mystik des Schreibens _ ist es das, was Gaarder verfassen wollte? Während sein Held die Literatur entzaubert und materialisiert, gibt Gaarder ihm zugleich etwas Märchenhaftes: Unerschöpflich ist der Quell seines Superhirns</P><P>Doch die Geschichte des traumatisierten, verhinderten Dichters Petter wäre gerade mal eine Novelle Wert. Gaarders Kulturbetriebskritik aber einen Essay. Um beides zusammenzupferchen, überspannt er den erzählerischen Bogen des Romans: Inzest von Vater und Tochter, ödipale Mutter-Sohn-Beziehung und eine absurde Zeugungsverabredung mit der einzig geliebten Frau schmücken eine Romanfigur aus, die eigentlich Mittel zum Zweck ist, Vehikel einer Botschaft. Es sind einfach zu viele verschiedene Ideen, aus denen dieser Roman besteht. Was die Unbezähmbarkeit seiner Fantasie betrifft, geht es Gaarder offenbar nicht besser als seinem Helden. </P><P>Jostein Gaarder: "Der Geschichtenverkäufer". Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Carl Hanser Verlag, München, Wien. 272 Seiten, 19,90 Euro.<BR>Jostein Gaarder nimmt sich mit seinem Roman zu viel vor und überfrachtet damit den "Geschichtenverkäufer".Foto: dpa<BR></P>

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