Der Mantel der Menschlichkeit

- Es sind die Ostereier-bunten Farben, die zuerst ins Auge springen - fröhlich, strahlend, aufreizend. Aber da stören diese Gitter. Hinter dem gewaltigen Kopf von Markus Lüpertz' "Odaliske", die der Künstler heftig "geschminkt" hat, starren Stäbe hervor, erinnern an das Haremsgefängnis. Ähnlich droht ein Gitter-Muster hinter dem "Befreiten" von Max Beckmann. 1937 porträtierte er sich in dem Moment, wo sich Halseisen und Handschellen öffnen. Antlitz und Hände sind ganz eng aufeinander bezogen, bilden eine besondere Einheit; genauso wie in seiner ebenfalls im Schlossmuseum Murnau gezeigten Radierung von 1916.

<P>Dort ist ab morgen die Sonderausstellung "Wege des Expressiven - Einblicke in eine Privatsammlung" zu sehen, die Museumschefin Brigitte Salmen dank ihrer Kontakte für ihr Haus erschließen konnte. Die Werke vor allem aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Karel Appel über Georg Baselitz bis Arnulf Rainer verbindet die Schau mit einigen expressionistischen Arbeiten von Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner, Max Pechstein; natürlich auch mit dem "Blauen Reiter" in der ständigen Schau des Museums. Es ist vor allem das Menschenbild, das ausgehend von den "alten" Expressionisten fasziniert, sowie das Austesten der ästhetischen Möglichkeiten. Einerseits: Wie weit kann man gehen, bis das Figürliche in der Abstraktion verschwindet? Andererseits: Was gibt es alles für technische Ausdrucksformen? Diese Vielfalt geht einem erst nach und nach in der Präsentation auf: von Aquarell und Aquatinta über Papierschnipsel-Collage bis Fotoübermalung und Kunstharz auf Polyestergewebe.<BR><BR>Schweres Schicksal: Männer ohne Frauen<BR><BR>Schon allein daraus spricht eine tiefe spielerische und sinnliche Lust, sich kraftvoll zu artikulieren. Aber auch die Themen, die Arten der Wirklichkeitswahrnehmung suchen sich "Wege des Expressiven". Schön ist ebenfalls, dass von vielen Künstlern Arbeiten aus unterschiedlichen Schaffensphasen verglichen werden können.  Da ist  zum Beispiel Markus Lüpertz' grau-brauner Geschäftsmann von 1974 - kopflos, stattdessen mit kleinem roten Kinderdrachen, neu-sachlich schick, aber schwebend im typischen Lüpertz-Raster, das an Gitterkreuze erinnert. <BR><BR>Und da ist sein Gitarrenspieler von 2004, der nur schwach wie ein Gespenst sichtbar wird in all den Farbaktivitäten. Oder Arnulf Rainer. Er ist vertreten mit krustigen Übermalungen, bei denen die Farbpaste mit den bloßen Händen aufgetragen wurde (70er-/80er-Jahre), und - völlig konträr - mit einer hocheleganten Malerei in feinem Sichelschwung (1997). Appetit auf mehr macht die Übermalung aus der Serie "Mimen" mit einer geheimnisvollen Sibylle Canonica. <BR><BR>Die komische Seite kommt in diesem Expressiven-Panorama auch zu ihrem Recht. Nicht nur durch Jean Dubuffets Dickbauch-Männchen, das auf die ungenierte Malgeste der Art brut verweist - die so viele befreite und inspirierte. Für die Damenwelt erfreulich Lüpertz' großformatiger Kommentar zu "Männer ohne Frauen" ('93/94): Das zitronensaure, bitter-zerknitterte Gesicht ist an Eindeutigkeit nicht zu übertreffen. Völlig uneindeutig bis auf den Titel "Druckfehler" ('96) ist dafür Sigmar Polkes transparentes, scheinbar flüssiges Werk - Rahm und grüne Limo?<BR>Politische Aussage - ohne Gitter - hingegen bei Jörg Immendorffs verspieltem Bild im Bild im Bild (2000). Menschen-Pflanzenranken umfangen eine Maschinenhalle, in der Menschen "verwurstet" werden. In diese Darstellung ist eingelassen wie eine Intarsie: der heilige Martin, der mit einem Armen seinen Mantel teilt. Menschlichkeit nur mehr ein altertümliches, nostalgisches Gemälde . . .</P><P>1.4.-7.8., Di.-So. 10-17 Uhr, Tel. 08841/ 47 62 07.</P>

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