Marathon des Nibelungen

- Wahre Wagnerianer sind hart im Nehmen. Und bei den epischen Dimensionen von Wagners Werken ist das oft auch nötig. Was sich aber Gustav Kuhn in diesem Jahr für die Tiroler Festspiele in Erl ausgedacht hat, dürfte selbst für hartgesottenste Wagner-Anhänger eine echte Herausforderung gewesen sein: der komplette "Ring des Nibelungen", kompakt in 24 Stunden. Naja, um ehrlich zu sein, so ganz 24 Stunden waren es dann doch nicht. Denn "Das Rheingold" gab es, im Sinne Wagners, bereits am Freitag als Vorabend zum "Ring"-Event. Bleiben trotzdem noch drei komplette Opern, die hier im Laufe eines Tages bewältigt sein wollen.

Um vier Uhr nachts über die Zielgerade

Damit dieser Nibelungen-Marathon gelingen kann, packt in Erl jeder mit an. Angefangen bei der Feuerwehr, die Siegfrieds Boot zur Rheinfahrt durch die Zuschauerreihen trägt, bis hin zu den Kindern, die mit einem Fackelzug für stimmungsvollen Feuerzauber auf dem Walkürenfelsen sorgen. War Brünnhilde hier gegen halb zehn erst einmal zur Ruhe gebettet, gab es auch für das Publikum Gelegenheit, in bereitgestellten Liegestühlen vor dem Festspielhaus bei einem kleinen Nickerchen unter sternenklarem Himmel Kraft für die nächste Etappe zu tanken. Denn die ließ nicht lange auf sich warten.Mag dabei die szenische Seite zuweilen den Charme einer guten Schulaufführung verströmen, musikalisch ist Kuhns "Ring"-Deutung über jeden Zweifel erhaben. Sein zupackendes Dirigat und die flüssigen Tempi ließen selbst den nächtlichen "Siegfried" überraschend kurzweilig erscheinen. Natürlich geht ein solches Mammutprogramm auch an den Musikern nicht spurlos vorbei. Von einigen kleinen Missgriffen der Blechbläser abgesehen, gelang es Kuhn, sein Orchester ohne größere Verluste bis vier Uhr morgens über die Zielgerade zu bringen.Im Publikum hatten die ersten da längst kapituliert und ihren Platz gegen ein Bett getauscht. Der Großteil aber hielt eisern durch und hatte so die Gelegenheit zu erleben, wie Jung-Siegfried Jürgen Müller sich selbst nach zwei kräftezehrenden Akten noch mühelos mit Thomas Gazhelis Wanderer und der stimmgewaltigen Brünnhilde Elisabeth-Maria Wachutkas messen konnte.Finale mit zerknitterter Abendrobe

Mit erhöhtem Koffeinkonsum allein ist ein 24 Stunden-"Ring" nicht durchzustehen, und so wurde dem Publikum nun doch etwas Nachtruhe zugestanden. Wenn auch nicht viel. Schon sechs Stunden später ging es mit zerknitterter Abendrobe und erheblichem Schlafdefizit zur finalen "Götterdämmerung". Und während die Nornen am Schicksalsseil webten, dämmerte wohl auch so mancher Zuhörer noch vor sich hin. Doch dank des engagierten Ensembles nahm auch die letzte "Ring"-Etappe schnell Fahrt auf und wurde zu einem würdigen Abschluss des ehrgeizigen Projekts.Der wahre Held hieß dabei Duccio Dal Monte, der nach seinem fulminanten Wotan in "Rheingold" und "Walküre" nun noch einen bedrohlichen Hagen folgen ließ. Um genau zu sein zwei Drittel davon. Im ersten Akt hatte er sich durch Peter Loehle vertreten lassen, von dessen profundem Bass man gerne mehr gehört hätte. Nach den Schlusstakten nicht enden wollender Beifall für alle Beteiligten. Ganz so als würde das Publikum noch immer nicht genug haben und auf eine Zugabe hoffen. Die aber soll es erst im nächsten Jahr mit dem "Tristan" geben. Und nach diesem Kraftakt ist das für Erl doch wirklich nur noch ein Klacks.

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