+
Als „Königin der Nacht“ war sie bereits bei den Salzburger Festspielen zu sehen. Jetzt singt Diana Damrau alle vier Frauenpartien in „Hoffmanns Erzählungen“ an der Bayerischen Staatsoper.

Die Marathonfrau

München - Eine Rolle ist ihr nicht genug. Für „Les Contes d’Hoffmann“ an der Bayerischen Staatsoper singt Diana Damrau alle vier Frauenpartien. Ein gewagtes Experiment.

Nur wenige haben sich bislang an dieses Experiment gewagt. Premiere ist am kommenden Montag im Nationaltheater. Constantinos Carydis dirigiert, die Titelrolle übernimmt Rolando Villazón, Richard Jones inszeniert.

Sind diese vier „Hoffmann“-Frauen mit ihrer großen vokalen Bandbreite ein Sprung ins kalte Wasser?

Schauspielerisch auf keinen Fall. Ich habe genügend Rollen im Repertoire, die das abdecken. Olympia habe ich außerdem vor zwölf Jahren in zwei Mannheimer Vorstellungen gesungen. Ich weiß also, wie sich ein Frauenautomat anfühlt. Insgesamt ist es aber schon spannend, das alles zusammenzusetzen.

Weil man sich vokal testet und schaut, wohin die Karrierereise geht?

Och, das eher nicht. Ich habe ja längst Rollen wie Olympia überholt. Auf jeden Fall ist es eine gute Vorbereitung für spätere „Traviatas“. „Hoffmann“ ist ein Ausflug in die Extreme, den ich einmal in meinem Leben unternehmen wollte.

Welche der Frauen verdient das meiste Mitleid?

Ich denke Stella. Sie will an der Beziehung zu diesem komplizierten Hoffmann arbeiten. Sie ist Sängerin, wird quasi in eine öffentliche Rolle gezwungen und muss auch abseits der Bühne gesellschaftliche Zwänge erfüllen, weil sich vielleicht VIPs mit ihr schmücken. Hoffmann hat mehr Zweifel als sie. Und sie muss sich am Schluss eingestehen: Es hat keinen Sinn.

Eigentlich ist das doch das totale Männerstück. Sie stellen mit den vier Frauen vier Männerfantasien dar.

Kommt darauf an, wie man es sieht. Aus der Entstehungszeit des Stücks heraus betrachtet ist die folgsame Antonia ja ein absolut normaler Charakter. Auch Olympia, die quasi verheiratet werden soll. Warten Sie mal ab, was wir daraus machen!

Gerade Olympia: Da basteln sich doch Männer eine Frau...

...aber die funktioniert nicht! (Lacht lange.)

Und welche ist Ihnen am nächsten?

Natürlich Antonia. Gerade als Sängerin erlebt man in der Partnersuche Konstellationen, die nicht ganz funktionieren. Solche Gedanken macht man sich schon: Würde ich meine Karriere aufgeben? Brauche ich den Applaus? Bei Antonia geht es vielleicht weniger um die Karriere, sondern um das Singen an sich. Sie muss es tun.

Sie auch?

Mir macht der Beruf einfach unglaublichen Spaß. Wenn ich nicht mehr singen könnte, würde ich vielleicht Richtung Schauspiel gehen. Oder unterrichten. Ich war während meiner Studienzeit eineinhalb Jahre außer Gefecht gesetzt, weil bei einem operativen Eingriff durch die Intubation ein Ödem auf einem Stimmband verursacht wurde. Da musste ich natürlich in mich gehen. Trotzdem glaubte ich fest daran, wieder singen zu können, wenn ich vorsichtig bin und mir Zeit gebe. Da ist mir auch erst bewusst geworden, welchen Schatz ich da hüte. Und ich habe ja nur dieses eine, unersetzbare Instrument.

Sie haben eine Familie gegründet. Singen Sie nun, mit dem mittlerweile einjährigen Sohn, anders? Weil Sie sich vielleicht gereifter fühlen?

Hmmm... Nö. Natürlich musste ich mich nach der Babypause wieder ins Singen hineinfühlen. Und das gleich mit einer neuen Rolle, mit der Elvira in Bellinis „I puritani“. Aber da konnte ich schöne ruhige Phrasen ohne übertrieben schnelle Koloraturen singen, das hat schon geholfen. Was sich verändert hat: Mein Baby, meine Familie rangiert auf Nummer eins. Der Beruf behält zwar dieselbe Wichtigkeit – aber ich habe nun weniger Zeit für ihn. Die Zeit bekommt mein Kind. Das ist gar nicht so schlecht: Da habe ich auch weniger Zeit, mir über mich oder meine Stimme dauernd Gedanken zu machen.

Der Beruf wird also ein Stück weit „normaler“.

Genau. Und das tut den Kindern auch gut. Wenn sich Mama auf den Sockel stellt, dann kriegen die Probleme mit dem eigenen Selbstbewusstsein. Sicherlich wird man als Sängerin hofiert. Und das müssen Kinder einordnen lernen, ebenso übrigens der Partner.

Und wie reagiert der kleine Alexander, wenn Mama singt?

Das findet er toll. Wir haben ja in München quasi gemeinsam „Die schweigsame Frau“ von Strauss gemacht, da hat er alles im Bauch mitbekommen und meine hohen Töne kennengelernt. Außerdem dirigiert er gerne. Als ich eine DVD anschaute mit der Olympia-Arie, hat er mit beiden Händen mitgemacht.

Sie leben seit drei Jahren mit Ihrem französischen Mann, dem Sänger Nicolas Testé, in Genf. Warum hat Sie es dahin gezogen?

Mich hat es schon immer Richtung Frankreich gezogen, in Richtung französischer Sprache, meiner Abitursprache also. In Genf habe ich einen Vertrag am Opernhaus, mache eine Neuproduktion pro Jahr. Außerdem ist die Stadt kleiner als Wien, wo ich zuvor gewohnt habe. Sie bietet viel Natur und nicht so viele Verlockungen: In München oder Wien gibt es drei oder vier Veranstaltungen pro Tag, die man eigentlich alle besuchen will. Ich habe mir mit Genf was Gutes getan.

Sie reisen also nicht gern?

Doch, natürlich! Aber ich brauche gerade einen solchen Ort für meine innere Basis. Ich habe Sachen in meiner Wohnung, die noch aus meiner Studienzeit stammen. Ich habe nun meinen Anker.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Zum Tod von Jerry Lewis: Amerikas trauriger Clown
Zeit seines Lebens hat Jerry Lewis die Menschen zum Lachen gebracht. Diese Fähigkeit schien ihm angeboren zu sein. Dabei durchlebt auch der Komiker schwarze Stunden.
Zum Tod von Jerry Lewis: Amerikas trauriger Clown
Albträume im La-Le-Lulu-Land
Die griechische Filmemacherin Athina Rachel Tsangari hat zum ersten Mal am Theater gearbeitet und für die Salzburger Festspiele in Hallein Frank Wedekinds „Lulu“ …
Albträume im La-Le-Lulu-Land
Arena di Verona: Auferstehen aus Ruinen
Die Arena di Verona kämpft mit Affären und Finanznot. Hilfe verspricht man sich von einem Sanierungsplan - und einer Uralt-„Aida“.
Arena di Verona: Auferstehen aus Ruinen
„Ein Hoch auf uns – Warum?“
Er ist Kapitän der Rockband Eisbrecher, deren neues Album „Sturmfahrt“ jetzt erscheint. Wir sprachen mit Alexander Wesselsky über die neue Platte, billiges Fleisch und …
„Ein Hoch auf uns – Warum?“

Kommentare