Die Marathonläuferin

- München - Fürstenstraße 17. Eine Adresse, die nicht wegzudenken ist aus dem kulturellen Leben Münchens. In der Fürstenstraße nämlich befindet sich die Literaturhandlung, jenes Zentrum für jüdische Literatur, das Rachel Salamander vor 20 Jahre gegründet hat _ im Herzen der Stadt. Das Jubiläum wird mit einem Festprogramm gefeiert. Den Auftakt macht am kommenden Mittwoch, 18. September, 20 Uhr, im Saal des Alten Rathauses Marcel Reich-Ranicki mit der Vorstellung seines Buches "Sieben Wegbereiter", einem Plädoyer für die deutsche Literatur.

<P>Es ist ein schmerzlicher Zufall, dass die Zwanzigjahrfeier Ihrer Literaturhandlung quasi zusammenfällt mit dem ersten Jahrestag der Terroranschläge in den USA.</P><P>Salamander: Ja, für uns und ich denke im Bewusstsein aller hat sich in diesem Moment die Welt verändert. Der 11. September - das war ein Zivilisationsbruch der neueren Art. Das konnte niemanden unberührt lassen. Das unbeschwerte Sein in dieser Welt ist zu Bruch gegangen und auch das, was wir unter abendländischer Zivilisation verstehen. Bis zu diesem Zeitpunkt lebten wir in Deutschland in einer unglaublich langen Friedenszeit, immerhin mehr als 50 Jahre.</P><P>Als Sie vor zwei Jahrzehnten die Literaturhandlung gegründet haben, gab es da für Sie noch andere berufliche Alternativen?</P><P>Salamander: Ich hätte die Möglichkeit gehabt, im universitären Bereich zu bleiben. Ich habe mich bewusst dagegen entschieden. Sicherlich wäre ich auch in einem Verlag untergekommen. Aber ich hatte mir damals überlegt und mir auch gewünscht, meine beiden Welten, die jüdische und die nichtjüdische, irgendwie zusammenzuführen. Nachdem ich aus einem traditionellen Haus stamme, wollte ich doch mein Wissen um die gelebte jüdische Welt weitertragen. Denn ich wusste ja, dass meine nichtjüdische Welt nichts von der jüdischen Welt kannte.</P><P>Woher dieser intensive Wunsch, das zu ändern? </P><P>Salamander: Als ich als Kind nach München kam aus dem Lager für "displaced persons", habe ich doch eine mich prägende Fremdheit erfahren. Es war mein Ziel, sie abzubauen. Von der Elternseite her bestand die große Vision oder vielleicht auch Illusion, Deutschland zu verlassen. Meine Generation aber hatte begriffen, dass man in Wirklichkeit anders lebt, als man es sich bewusstseinsmäßig immer vorstellt. Es war also klar für mich, dass ich die zwei Seiten zusammenführen möchte.</P><P>Ist es Ihnen gelungen?</P><P>Salamander: Ja, ich habe das Gefühl. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen, die uns zwanzig Jahre lang begleitet haben, eine ganze Menge von dieser Welt mitbekommen haben.</P><P>Das Projekt Literaturhandlung ist mehr als ein Buchladen.</P><P>Salamander: Dass man hier Bücher verkauft und kauft, ist logisch. Aber darüber hinaus ist mit der Literaturhandlung natürlich noch mehr entstanden: nämlich ein offener Ort. Man muss nicht zu einer Institution gehen, sich nicht anmelden. Die Menschen kriegen von mir, so hoffe ich, gute Vorlagen; was sie daraus machen, liegt in deren Verantwortung. Die Aktivitäten sind auf beiden Seiten; auf Seiten der Nichtjuden, die eine größere Sensibilität entwickelt haben dem gegenüber, was die Juden beschäftigt. Und auf Seiten der Juden, die einerseits die Befangenheit und auch Ängste der Nichtjuden kennen gelernt haben und andererseits auch mit den Vorurteilen konfrontiert wurden. In dieser Hinsicht ist viel geschehen in den letzten zwanzig Jahren. Das ist eine permanente Debatte.</P><P>Ein wesentliches Element der Literaturhandlung sind die Veranstaltungen, die Sie von Anfang an durchgeführt haben.</P><P>Salamander: Wir befinden uns damit immer auf dem aktuellen Stand der Diskussion. Israel, Frankreich, Amerika _ was dort gedacht wird, kommt auch hier zur Sprache.</P><P>Wenn Sie zurückblicken: Was waren für Sie die Höhepunkte?</P><P>Salamander: Dazu gehörte die Reihe zum Ende des Jahrhunderts im Prinzregententheater. Und da insbesondere die Rückschau von Hans Jonas. </P><P>Hat sich im Laufe der zwanzig Jahre an Ihrer Konzeption etwas geändert? </P><P>Salamander: Nein, ich habe nie etwas geändert. Ich hatte von Anfang an drei Reihen geplant, die ich auch durchgeführt habe. Erstens: moderne israelische Erzähler. Alle großen waren bei uns zu Gast _ von Amos Oz bis zu Zeruya Shalev und David Grossmann. Zweitens: jüdische Stimmen der Gegenwart, sofern sie wieder in Deutsch schreiben _ von Robert Schindel über Maxim Biller bis zu Barbara Honigmann. Sie haben alle bei uns ein Forum gefunden. Und drittens: die Autoren, die aus Deutschland einst vertrieben wurden, wieder einzuladen. Dazu gehörten u. a. Hans Jonas, Lea Rabin, Hilde Spiel. Das war die letzte große Begegnung mit Menschen, die ein Stück Deutschland in sich aufbewahrt hatten, wie es hier nicht mehr anzutreffen ist. Mit ihrem Tod verschwindet auch die Anbindung ans vorletzte Jahrhundert.</P><P>Wie sieht die Zukunft der Literaturhandlung aus? </P><P>Salamander: Was sowieso immer läuft, ist die Auseinandersetzung mit den aktuellen Büchern und das Vorstellen neuer Autoren. Beim Programm zum Zwanzigjährigen sieht man ja, dass ich nach wie vor Wert lege auf die Debatte.<BR>Es wird u. a. eine Lesung aus dem Buch "Mein verwundetes Herz" geben, aus den Briefen, die Lilli Jahn 1943/ 44 aus dem Arbeitslager an ihre fünf Kinder schrieb und die die Kinder an die Mutter schrieben. Lesen werden Sie und Sophie von Kessel. Fürchten Sie nicht, dabei von dem eigenen Gefühl der Trauer überwältigt zu werden?<BR>Salamander: Ich lebe ja seit 50 Jahren mit diesen Geschichten. Seit ich denken kann, bin ich mit solchen Erzählungen konfrontiert.</P><P>Gibt es die Idee, irgendwann vielleicht auch einmal selbst zu schreiben? </P><P>Salamander: (lachend) Vielleicht im nächsten Leben. Nein, ich führe kein Tagebuch, ich schreibe nichts auf. Genauso wenig wie ich fotografiere. Ich habe noch nie in meinem Leben selbst ein Foto gemacht. Ich habe das Gefühl, dass mein Innenleben reicher bleibt ohne Fotos.</P><P>Was wünschen Sie sich für die kommenden zwanzig Jahre?</P><P>Salamander: Dass der Kreis der Menschen, der sich mit der Literaturhandlung gebildet hat, mich auch in Zukunft begleitet; dass Buch und Literatur weiter im Gespräch bleiben. Privat wünsche ich mir etwas mehr Zeit. Jetzt fühle ich mich nämlich wie eine unaufhörliche Marathonläuferin. Und politisch: dass die, die nach uns kommen, auch noch von den Friedenszeiten, die wir genießen durften, profitieren können. </P><P> </P>

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