Der Marathonlauf des Hornisten für sein Orchester

- "Zwei Stunden, 59 Minuten wären mein Traum." Was weniger mit der Länge des nächsten Konzerts zu tun hat, sondern mit Norbert Dausackers Hobby. Der Hornist im Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks ist nämlich auch Langstreckenläufer. Und gestern, beim New-York-City-Marathon, war er einer unter gut 37 000.

Zufällig habe er vor einem Jahr erfahren, dass während des Manhattan-Aufenthalts seines Ensembles das Spektakel stattfindet. Just am Sonntag sollte Dausacker auch noch spielfrei haben ­ also kümmerte er sich um eine Startnummer. "Lauftraining müsste man schon an der Hochschule unterrichten", fordert Dausacker lächelnd. Von Lungenvolumen und Ruhepuls könne man doch im Bläserberuf wunderbar profitieren.

Nervös vor dem Lauf? "Vor unserem ersten Konzert in New York hatte ich schon mehr Bammel." Da hatten die BR-Symphoniker erstmals unter ihrem Chef Mariss Jansons in der ehrwürdigen Carnegie Hall gespielt. Wieder, wie beim Tourneeauftakt in Philadelphia, die Sechste von Schostakowitsch, nach der Pause dann Münchnerisches: Strauss‘ "Rosenkavalier"-Suite und seine "Vier letzten Lieder". Zur ersten Begrüßung bekam Sopranistin Karita Mattila von Kavalier Jansons ganz beziehungsreich eine silberne Rose überreicht ­ was sich am stärksten auf die Anspielprobe kurz vor dem Konzert auswirkte. Da hatte die Star-Solistin das stille Herzweh dieser Stücke in berührende Lyrismen gegossen.

Später, im Ernstfall, mochte ihr der Ausgleich zwischen Verhaltenheit und Zaghaftigkeit nicht immer glücken. Und das, obwohl das Symphonieorchester für ihren Gesang ein flauschiges Daunenbett bereitete, nahezu perfekt balancierte Klänge, die bei den "Rosenkavalier"-Hits in offensive Emotion umschlugen. Jubel, zwei Zugaben im fast ausverkauften Haus, dessen Mischklang-Akustik diesen Werken sehr zugute kam. Mag da die Carnegie Hall ihrem legendären Ruf gerecht werden: Hinter der Bühne ergibt sich dazu ein bizarrer Widerspruch.

Die Platzverhältnisse sind so beengt, dass in mancher Garderobe ein bequemes Umziehen kaum möglich ist. Und ein jugendlicher, adrett gekleideter Zerberus namens Justin wacht darüber, dass das BR-eigene Team nur ja nicht mehr als die vorgeschriebenen 30 Minuten mitschneidet. Sogar als ein Stück hörbar auf die Zielgerade biegt, tippt Justin dem Kameramann auf die Schulter: Nun sei doch bitte Schluss.

Vor dem Konzertergebnis verblassen freilich solche Hindernisse. "Ich hoffe, es geht so weiter", meinte Jansons tags darauf, als er mit seinen Musikern für den zweiten Abend probte. Seine kühle Geschäftsmäßigkeit in solchen Situationen lässt kaum an jenen Überschwang im Konzert denken, den hier ein US-Kritiker als "jugendliche Entdeckungslust" rühmte. Beethovens Siebte profitierte davon, die das Publikum schier aus dem Häuschen brachte. Höhepunkt allerdings, nach einer erhaben-entspannten "Tannhäuser"-Ouvertüre: Bartóks erstes Violinkonzert, das Gidon Kremer mit uneitler Hingabe als großartige, nie larmoyante Innenschau spielte.

Nach guten zwei Stunden, zwei weiteren Zugaben und einem im Sturm eroberten Publikum glückliche Gesichter, als die Musiker durch die Bühnenpforte ins Freie drängen ­ und die Mahnung an einen der ihren: "Norbert, denk’ dran: Du läufst auch fürs Orchester."

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