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Marco Comin muss das Gärtnerplatztheater Ende der kommenden Spielzeit verlassen.

Interview zur Gärtnerplatz-Premiere

Marco Comin: „Mich macht ein Missverständnis traurig“

München - Zum Ende dieser Spielzeit verlässt Chefdirigent Marco Comin das Gärtnerplatztheater. Gern wäre er geblieben, er passt allerdings nicht zur stärkeren Ausrichtung des Hauses auf Musical und Operette. Ein Interview zu seiner Premiere von „King Arthur“ und zu seinem Abgang.

Seit 2012 ist Marco Comin Chefdirigent des Staatstheaters am Gärtnerplatz. In den gut vier Jahren hat der Venezianer Opern vom Barock bis zur Moderne dirigiert, das symphonische Profil des Orchesters geschärft und 2014 die erste alleinige Tournee des Klangkörpers überhaupt durch Mexiko geleitet. Dennoch ist am Ende dieser Spielzeit für ihn Schluss. Intendant Josef Köpplinger wünscht sich einen musikalischen Leiter, der zur Oper zusätzlich einen stärkeren Fokus auf Musical und Operette legt. Am 8. Dezember leitet Comin seine vorletzte Premiere, „King Arthur“ von Henry Purcell.

Ist die Behauptung zu platt, dass Purcell mit „King Arthur“ eine Art Barock-Musical geschrieben hat?

Ich würde sagen, sie ist nicht korrekt. Denn es ist ja genau umgekehrt wie im Musical, bei dem alle Darsteller singen, sprechen, tanzen und spielen müssen. Hier hat man für alles Spezialisten: Tänzer tanzen, Schauspieler sprechen, Sänger singen. Deswegen ist King Arthur für mich kein „Musical ante litteram“, auch wenn man das oft hört.

Das Zusammenstellen der verschiedenen Sparten ist wohl gerade bei diesem Stück eine der großen Herausforderungen.

Es ist in gewisser Hinsicht die Idee eines „Gesamtkunstwerks“, heute spricht man von „Semi-Oper“. Dabei waren alle, ob Orchester, Sänger, Schauspieler oder Ballett, gefordert, ein gemeinsames Konzept zu erarbeiten. Das bedeutet natürlich auch, dass alle gewisse Kompromisse eingehen müssen, mehr als bei Verdi oder Wagner, bei denen die Möglichkeiten einfach klarer abgesteckt sind. Und genau das macht diese Produktion so spannend und schön.

Wie war diese Zusammenarbeit mit Regisseur Torsten Fischer, mit dem Sie bereits „Aida“ im Prinzregententheater gestaltet haben?

Die hat schon früh angefangen. Denn gerade bei diesem Stück, bei dem es eben nicht klar ist, welche Nummern der Oper überhaupt gespielt werden, in welcher Reihenfolge, welche Texte man benutzt, mussten wir früh die Weichen stellen. Grundsätzlich sehe ich mich immer als Diener der Komponisten. Aber hier war es ein bisschen wie die Arbeit von Komponist und Librettist. Als wir die Struktur unserer Produktion festlegten, wollte Torsten Fischer anfangs eine opernhaftere Version, in der auch die eigentlichen Sprechrollen wie King Arthur Arien bekommen und es musikalische Einschübe aus anderen Werken Purcells gibt. Ich hingegen habe mich sehr darum bemüht, Purcells originaler Fassung, soweit wir sie kennen, gerecht zu werden. Darauf haben wir uns dann geeinigt, aber einige wenige Nummern umgestellt, um so das Regiekonzept von Torsten zu unterstützen. Für mich war dieser ganze Prozess sehr inspirierend, auch weil ich mich selbst infrage stellen musste, was sehr gesund ist.

Die Stelle am Gärtnerplatztheater ist die erste Chefposition Ihrer Karriere. Welche Erkenntnisse nehmen Sie mit dem Ende Ihres Postens im Sommer 2017 mit?

Zuallererst die wunderschönen Erinnerungen an die Zusammenarbeit mit dem Orchester und auch dem Chor. Sie war so kreativ und anregend – das kann mir keiner wegnehmen. Das ist für mich wie eine Liebesgeschichte, die ich mit diesen wunderbaren Menschen hatte und habe. Dann natürlich viele Lernprozesse: Wie man in gewissen Situationen reagieren oder nicht reagieren soll. Das war alles sehr wichtig für mich. Ich werde in der Zukunft sicher wieder Fehler machen, aber andere und nicht die alten, die ich schon mal gemacht habe. Keinen Fehler zweimal zu machen, darum bemühe ich mich sehr, und auch das möchte ich mitnehmen.

Die Intendanz wünscht sich einen Chefdirigenten, der die Sparten Musical und Operette intensiver bedient, als Sie es getan haben. Fühlen Sie sich übergangen, oder sind Sie froh auf neue Herausforderungen, bei denen Sie mehr Oper und Symphonisches dirigieren können?

Ich denke, jedes Haus und jedes Orchester, wenn es ehrlich mit sich selbst ist und ein hohes Niveau hat, verdient das Beste. Wenn ein Haus viel Operette und Musical machen will, verdient es einen Chef, der diese Sparten hervorragend dirigieren kann und sich damit voll identifiziert. Bei mir ist das nicht so der Fall wie bei anderen. Meiner Meinung nach gibt es keinen Dirigenten, der alles gleich gut dirigieren kann. Mich macht dabei nur ein grundsätzliches Missverständnis etwas traurig. Ich habe nie einen Zweifel daran gelassen, was meine Priorität ist: nämlich die Qualität unseres Orchesters zuerst im Bereich Oper noch weiter zu steigern. Erst dann hätte ich auch Operette dirigiert. Jetzt ist mir die Zeit nicht mehr gegeben. Aber es ist das gute Recht von Josef Köpplinger, einen Chefdirigenten zu suchen, der auch Musical und Operette dirigiert, und dafür wünsche ich ihm den Besten, den er finden kann.

Werden Sie nach dem Gärtnerplatztheater gleich wieder eine Chefstelle antreten oder lieber freischaffend tätig sein?

Beides hat seinen Reiz. Freiberufler zu sein ist sehr spannend, doch ich liebe es auch, Verantwortung zu übernehmen und mich für ein Haus aufzuarbeiten, mit einem Orchester zu wachsen. Man muss mir diese Verantwortung nur geben, mit allen künstlerischen Rechten und Pflichten. Auch darauf werde ich in Zukunft achten.

Das Gespräch führte Maximilian Maier.

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