Maria und die schönen Münchnerinnen

München - Allerliebst sind seine Marien. Graziöse und anmutige junge Frauen, fast Mädchen noch, denen der Maler ihren natürlichen Schmelz ließ und damit also nicht nach der Mode der manieristischen Raffinesse gierte. Ulrich Loth, vor 1599 geboren, hat sich wohl so manche schöne Münchnerin zum Vorbild genommen.

"Zwischen Caravaggio und Rubens": In der Alten Pinakothek wird der frühbarocke Maler Ulrich Loth wiederentdeckt

Dieser Maler, Sohn einer Münchner Handwerkerfamilie, der zum Hofmaler von Maximilian I. und höchst angesehenen Künstler aufstieg, kann jetzt wiederentdeckt werden. Elf Doktoranden der Ludwig-Maximilians-Universität haben zusammen mit ihren Professoren und den Experten der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und des Doerner-Instituts (Restaurierung) Loth in zweijähriger Recherchearbeit aus der Vergessenheit geholt: mit einem umfassenden Buch und einer gelungenen Ausstellung.

Unter dem Titel "Ulrich Loth - Zwischen Caravaggio und Rubens" bietet die Alte Pinakothek erstmals einen Gesamtüberblick über das Œuvre des Bayern. Er hatte bei Peter Candid gelernt und bekam auf dessen und Hans Krumppers Fürsprache hin 1619 von Maximilian sogar ein Stipendium, um sich in der Kunst, im Handwerk der Malerei in Italien zu vervollkommnen. Diverse Schriftstücke, die die Studenten zutage förderten, schildern, wie straff organisiert und gar nicht bohèmehaft das Künstlerleben im Frühbarock war. "Mein Unterthan" schreibt der Herrscher, und der Besitz-Hinweis ist nicht nur eine Floskel. Für Loth war es nicht leicht, sich aus den Ansprüchen des Hofs herauszuwinden, um ab Ende 1629 als freier Künstler arbeiten zu können. Allerdings blieb der Hof sein bedeutendster Auftraggeber. Loth musste ihn bevorzugt bedienen. So schuf er Gemälde für die Residenz und das Alte Schloss Schleißheim. Der andere große Kunde waren die Kirchen.

Daher beherbergt jetzt die Alte Pinakothek, die allein 19 Werke von Loth besitzt, auch "fremde" Altarblätter: aus dem Freisinger Dom zum Beispiel den "Tod Mariens" oder "Die Anbetung der Könige" aus dem Münchner Liebfrauen-Dom. Gerade letzteres Gemälde ist eines der schönsten von Loth. Eine erfrischende Szenerie, wie sich da drei alte Männer über ein Buzerl freuen. Loth leuchtet sie - dem italienischen Hell-Dunkel-Meister Caravaggio folgend - theatralisch aus. Verschattet ist die Hütte, deren Speicher Schaulustige erklommen haben. Auch sie wollen das verheißene Heil der Welt sehen. Ähnlich heiter, aber lichter ist "Die Rückkehr aus Ägypten", bei der Loth die Figurenkomposition von Rubens entlehnte, aber eine Art Einzug des Frühlings daraus entwickelte. Denn die Engel, die die Heilige Familie begleiten, streuen fleißig Blumen über die drei aus, während der Esel am Wegesrand nach Nahrung sucht.

Was immer wieder auffällt bei Loth, auch wenn manche Bilder "nur" schwächere Werkstattarbeiten sind, ist seine Neigung zu einfachen Menschen. Ihre Antlitze und Haltungen inspirieren ihn genauso wie Details, ob an Stoffen oder Brotzeittellern. Faszinierend daran ist für uns heute, dass wir nicht nur ein intensives Bild erleben, sondern durch dieses zurückschauen können ins damalige Bayern, ein Land, das den Dreißigjährigen Krieg (1618- 1648) und Pestepidemien überstehen musste. Das spürt man besonders am sogenannten Isaak-Zyklus, vier Gemälde, die 1637 für Schleißheim entstanden. Sie sind nun nach 200 Jahren - napoleonische Truppen verschleppten sie - in der Schau wieder vereint. Wer die Geschichten um Isaak, Jakob und Esau nicht kennt und auch nicht weiß, dass hier katholisch-theologisch gegen den Protestantismus argumentiert wird, erlebt vor allen ein liebevolles Miteinander von Alt und Jung. Zärtlichkeit, Fürsorge, Respekt und Würde schildert Ulrich Loth mit kraftvoll modellierten Persönlichkeiten in einem schlichten Ambiente.

Die Begegnung mit dem Münchner Ulrich Loth, der 1662 starb, ist eine Bereicherung - und ein einmaliges Geschenk der Alten Pinakothek an die Landeshauptstadt zu ihrem 850. Geburtstag.

Bis 7. September,

Tel. 089/ 23 80 53 60, Katalog, Hatje Cantz Verlag: 49,90 Euro.

Führungen zu Münchner Loth-Altären samstags ab 13.30 Uhr, Treffpunkt Frauenplatz.

Weitere Altäre: Bad Tölzer Stadtpfarrkirche, Mariä Lichtmess in Lindkirchen, Traunsteins Salinenkapelle, Stadtpfarrkirche in Wasserburg am Inn, Weilheimer Pfarrkirche. Die Altarblätter aus Freising und Isen sind in der Ausstellung.

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