Porträt Marianne Ach

Vom Glück der Freiheit

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München - Warum die Münchner Autorin Marianne Ach in Gefängnissen liest – und in der Trambahn schreibt.

Einmal wollte Marianne Ach ihrer Mutter einen Brief aus dem Kloster zusenden. „Schick mir Sauerkraut und Knödel“ hat sie darin geschrieben. Als Witz. Sie wusste, dass die Nonnen die Post lesen. Aber so ist ihr Humor. Sie durfte den Brief nicht abschicken. Die Nonnen haben es verboten. Dass sie sich derart in ihr Privatleben eingemischt haben, ärgert sie noch heute. Diese Geschichte aus ihrer Zeit bei den Dillinger Franziskanerinnen erzählt Ach, 73, bei ihrer Lesung in der Frauenanstalt Stadelheim. Sie nimmt vor dem Altar im Andachtsraums des Gefängnisses Platz. Die Wände sind kahl, nur auf der kleinen Empore hängt ein Kreuz, darunter steht ein Klavier. Fünf junge Frauen sitzen im Halbkreis um Ach. Sie sind neugierig. Sowas hat’s in Stadelheim noch nicht gegeben. Ist ja auch ein ungewöhnlicher Ort für eine Lesung. Nicht für Ach. Im Knast versteht man sie. „Uns geht’s hier genauso“, sagt eine der Frauen über die Kontrollen. „Aber wir sind eben nicht in Freiheit.“ Ach war frei. Dennoch fühlte sie sich eingesperrt hinter den klösterlichen Mauern.

Marianne Ach, grüner Blazer, goldene Ohrklipser, roter Lippenstift, legt ihren grünen JVA-Zutrittsschein und die Lederarmbanduhr neben sich auf den kleinen Holztisch. Eineinhalb Stunden darf sie den inhaftierten Frauen vorlesen. Die zwei Gefängnisangestellten, die sich in die hintere Ecke verzogen haben, bleiben zur Aufsicht. Ach nimmt sie alle mit auf eine Reise durch ihre Vergangenheit.

Früher arbeitete die gebürtige Oberpfälzerin, die heute in München lebt, im Namen Gottes, heute als Schriftstellerin. Doch die Enge und Strenge, die sie von klein auf fast erdrückten, haften wie eine Vorstrafe an ihr. In ihren Büchern „Goldmarie Pechmarie“, „Winterherzen“ und „Glück ist ein seltener Vogel“ schildert sie ihr „Pseudo-Leben“ mit viel Lokalkolorit – wie sie versuchte, davor zu flüchten, um nach Glück und innerer Freiheit zu suchen.

Das ernste Gesicht ihres Vaters auf einem Bild lässt sie bis heute nicht los. Mit schwarzer Schleife hing es früher über der Küchentür im Haus in Enslarn an der tschechischen Grenze. Er ist im Krieg gefallen. Ach war zwei Jahre alt. Mutter und Großmutter führten das Regiment zuhause. Statt Streicheleinheiten gab’s körperliche Bestrafung. Das hat Spuren hinterlassen. Seelische. „Ich hatte eine ,Nicht-Beziehung‘ zu meiner Mutter“, betont sie. „Sowas ist schlimmer, als jemanden zu hassen.“ Harte Worte. Aber Ach verzieht keine Miene, liest weiter: „Mit 13 Jahren ist mir meine Mutter abhanden gekommen.“ Das meint sie symbolisch. Ihr Blick wandert zu den Frauen. Eine Zuhörerin schluckt. Ach hat es in nur wenigen Minuten geschafft, zu ihr durchzudringen. Die Insassin hat auch nie eine richtige Mutter gehabt – nur auf dem Papier. Heute ist die stämmige Frau selbst Mama. „Man hat Angst, in dasselbe Fahrwasser zu kommen“, sagt sie. Ach, die keine Kinder hat, nickt verständnisvoll.

Sie selbst hat sich immer nach Liebe gesehnt und wollte vor allem eines nicht: So autoritär werden wie Mutter und Oma. „Ich möchte anständig sein“, hat sie sich damals gedacht. Deshalb bewarb sie sich fürs Internat. Sie zeigt den Häftlingen ein altes Schwarz-Weiß-Foto von sich. Ein junges Mädchen mit langen geflochtenen Zöpfen – aber mit einer gewissen Hartnäckigkeit im Gesicht. Die sollte sie in ihrer Zeit hinter den Klostermauern auch brauchen. Mit 19 Jahren legte sie ihr Ordensgelübde ab und arbeitete als Kindergärtnerin und Katechetin. Täglich der gleiche durchstrukturierte Trott. „Ich bin von einer Strenge in die nächste geraten.“

Ach will, dass die Frauen in Stadelheim ohne Scheu und ganz offen mit ihr sprechen. Aber dürfen sie das? Sie drehen sich manchmal nach hinten zu den Aufseherinnen um, um sich zu vergewissern, ob die damit einverstanden sind. Geht in Ordnung. Sofort legt die inhaftierte Mutter los: „Ich glaube, Sie haben das gemacht, um der Mutter zu beweisen, dass Sie gut sind.“ Ach ist erstaunt. Von diesem Blickwinkel hat sie das noch nie gesehen. „Sie bringen mich auf neue Gedanken.“ Genau deshalb liest sie im Gefängnis. München ist nach Aachen und Frankfurt das dritte, das die Schriftstellerin besucht. „Ich interessiere mich für Randgruppen“, sagt sie, „die aus dem Tritt gekommen sind.“ So wie sie in ihrer Zeit im Kloster.

Mit 22 Jahren wehrte sie sich zum ersten Mal gegen dessen Kontrollsystem. Sie setzte sich eine gelbe Perücke aus Wolle auf den Kopf, darauf einen roten Filzhut, band sich eine Krawatte um den Hals. Faschingsdienstag. Als Clown zog sie mit den Buben und Mädchen des Kindergartens im schwäbischen Obernhausen durch das Dorf. Die Bürger reagierten positiv. „Sie haben so ein schönes Gesicht“, sagten sie, „wenn es nicht vom Schleier verdeckt wird“. Die Nonnen akzeptierten ihre Kostümierung ausnahmsweise. Ein Erfolg für Ach. Der Clown war ihre Maske zur Befreiung aus ihren Zwängen.

Sie verließ das Kloster mit 29, studierte in München, heiratete ihren Mann Gerhard und unterrichtete bis zur Pensionierung als Realschullehrerin Deutsch und Religion. Seither gibt sie in Schwabing Deutschkurse für Asylbewerber und schreibt Bücher. Die besten Einfälle kommen ihr in der Trambahn, „weil sich die Gedanken bewegen“, vermutet sie. Dann kramt sie ihr Büchlein aus der Tasche und notiert alles in Stenografie. Ohne zu schreiben, würde sie „krepieren“. Darin kann sie die Freiheit ausleben, die ihr so lange verwehrt blieb. Es ist ihr Freigang.

Inzwischen hat die Autorin Frieden mit ihrer Vergangenheit geschlossen. Das zeigt sich in ihrem aktuellen Buch „Am Horizont kein Zeichen“. Sie erzählt nicht mehr von sich, von ihrer Heimat. Sondern von fernen Ländern und Träumen statt von Flucht. Und ihr nächster Roman ist bereits fast fertig. „Jetzt bin ich da, wo ich sein will.“

Sie blickt auf die Uhr, noch fünf Minuten, dann muss sie ihre Lesung in Stadelheim beenden. Marianne Ach plaudert noch mit den Frauen. Durch die Lesung konnten diese den Knastalltag kurz vergessen. Dann müssen sie zurück in die Zellen. Ach steht auf und geht in die Freiheit, an ihren Schreibtisch.

Marianne Ach:

„Am Horizont kein Zeichen“.

Lichtung Verlag, Viechtach,

140 Seiten; 13,80 Euro.

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