Marias ruinierter Tempel

- Zerstörung und Wiedergeburt der Vollendung. Im Hause der Medici in Florenz steht Aristotile da Sangallo bewundernd vor einem Werk Michelangelos. Doch die Liebeserklärung an den einen wird die radikale Abkehr von den Idealen des anderen nach sich ziehen: Aristotile wendet Früh- und Hochrenaissance und damit seinem Lehrmeister Perugino den Rücken zu. In einer Federzeichnung von 1530/ 45 persifliert er dessen Altartafel "Die Vermählung Mariae", indem er den Tempel aus dem Hintergrund isoliert und ihn als ruinösen Bau darstellt.

<P>Dies ist nur eines der elf bemerkenswerten Aristotile- Blätter mit der Darstellung verschiedener "Tempietti", die in der Ausstellung "Architektur als Bild und Bühne" in der Graphischen Sammlung der Pinakothek der Moderne zu sehen sind. In seiner Nachbarschaft befinden sich mehrere Zeichnungen des Bildhauers Raffaello da Montelupo sowie Entwürfe und Skizzen sakraler und profaner Architektur etwa von Vincenzo Borghini, Simone und Francesco Mosca oder Pietro Francesco Battistelli.<BR><BR>Die Ausstellung schöpft aus eigenen Beständen: Die Graphische Sammlung ist Spross des bedeutenden Zeichnungs- und Kupferstichkabinetts, das 1758 durch Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz gegründet wurde. Basis und Anstoß für die Sammlung war der Besitz der Architekten- und Szenographen-Dynastie der Galli Bibiena. Zusätzlich zu den rund 40 frühen Zeichnungen aus dem umfassenden Sammlungskonvolut und 25 (Bühnen-)Entwürfen Ferdinando und Alessandro Galli Bibienas aus dem 18. Jahrhundert, werden auch die drei (von ursprünglich sieben) noch erhaltenen "Bibiena-Büchern" präsentiert. An einem Terminal kann man jede einzelne Zeichnung aus den Folianten virtuell aufrufen.<BR><BR>Die Leitidee der Ausstellung ist der Aspekt der Szenographie, eine stark bild- und bühnenhafte Architektur, die in der Nachfolge von Bramante und Michelangelo steht. Die klar konzipierte Präsentation stellt Entwürfe klug und anschaulich gegenüber und öffnet mit einer großartigen Auswahl an Stichen und Zeichnungen ihrem Publikum eine kunst- wie theaterhistorisch bedeutende Tür.<BR><BR>So bemerkenswert architektonische Präzision und zeichnerische Perfektion auch sein mögen, unter den Exponaten sind auch Skizzen, die einen vollendeten Gedanken widerspiegeln, ohne selbst von perspektivischer Vollkommenheit zu sein: In der Innenansicht einer Arkadenrotunde hat ein unbekannter Künstler 1520/ 30 Bramantes Idee einer Pantheon/Basilika-Kombination zu Papier gebracht. Ein postkartengroßes Dokument von enormem Wert. Ein atemberaubender Plan ohne Umsetzung. Eine Architektur als Bild ohne Bühne.</P><P>Bis 9. Januar 2005, Di.-So. 10-17 Uhr, Do., Fr. 10-20 Uhr. Katalog: 25 Euro.<BR></P><P> </P>

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