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Zum 85. Geburtstag

Mario Adorf: Der südländische Preuße

München - Der Deutschen liebster Darsteller: Zum 85. Geburtstag des Kino-Gesamtkunstwerks Mario Adorf.

Es ist natürlich ein Zufall, aber ein sehr hübscher. Ausgerechnet rund um den 85. Geburtstag von Mario Adorf herum sind Werbespots mit ihm zu sehen, die ausgesprochen präzise einfangen, weshalb der Mann auch nach sechs Jahrzehnten im Geschäft noch Erfolg hat. Ein Regisseur erklärt Adorf dort, was für aberwitzige Stunts er auszuführen hat. Adorf hört stoisch zu und sagt nur: „Mach’ ich.“ Als der Regisseur dann etwas verlangt, was Adorf nicht gefällt, sagt er, ebenso stoisch, nur: „Das mach’ ich nicht.“

Mario Adorf ist genau wegen dieser Haltung auch im Alter ein begehrter Schauspieler, der sich genau überlegt, wo er mitwirken will und wo nicht. Er hat eine klare Vorstellung von sich und von dem, wo er hineinpasst. Die Zuschauer spüren das instinktiv, deswegen ist Adorf seit langem der Deutschen liebster Darsteller – obwohl er doch oft und überzeugend den Bösewicht gegeben hat. Dabei ist Adorf, der so furchterregend finster und hinterhältig schauen kann wie kein anderer hierzulande, privat der netteste Mensch, den man sich vorstellen kann. Höflich, charmant, humorvoll, und wenn irgendetwas an ihm Angst einjagt, dann sein phänomenales Gedächtnis. Er weiß genau, wann er mit wem wo etwas gedreht hat – dabei verzeichnet sein Werkkatalog über 200 Kino- und Fernsehfilme.

Außerdem erlaubt sich Adorf den Luxus, eine klare Meinung zu den Menschen zu haben, denen er im Laufe der Jahrzehnte begegnet ist. Diven wie Brigitte Bardot oder Sophia Loren kommen dabei nicht so gut weg: Adorf mag keine manipulativen Menschen, und das sind Diven immer. Wen Adorf mag, sind Könner und Profis, die wissen, was sie gerade tun und weshalb. Noch jetzt ist er beispielsweise beeindruckt davon, wie Filmpartner Charlton Heston bei „Sierra Charriba“ (1965) trotz Durchfallattacken sein Drehpensum absolvierte – unterbrochen von zahlreichen Sprints zur Toilette. „The job has to be done“, die Arbeit müsse erledigt werden, habe Heston immer gesagt, das gefällt Adorf, so sieht er das auch.

Mario Adorf, der den Süden und dessen Mentalität so liebt, ist in dieser Hinsicht fast schon preußisch. Der Text muss sitzen, man hat pünktlich zu erscheinen, und für exzentrisches Künstlergewese ist kein Platz. Adorf, so freundlich er sonst ist, kann da sehr hart sein, auch mit sich. Womöglich hatte er, der Außenseiter, gar keine Wahl, er musste immer besser, disziplinierter sein als andere. 1930 wird er in Zürich geboren, unehelich. Damals schlimm genug, aber zudem ist der Vater ein verheirateter Süditaliener, und man sieht Adorf sein transalpines Genmaterial mehr als deutlich an. Die Mutter zieht mit ihm in die Eifel, wo Adorf in einer Zeit aufwachsen muss, in der schwarzes Haar und dunkle Augen gerade keine Konjunktur haben. Man kann sich heute nur schwer vorstellen, wie das gewesen sein muss, als sehr dunkler Spross einer alleinerziehenden Mutter in rabenschwarzen Zeiten. Nach dem Krieg lernt Adorf erst mal Boxen. Aus Notwehr, wie er später erklärt: Wer die Eier oder die Kartoffeln, die er irgendwo geklaut habe, nicht mit seinen Fäusten verteidigen könne, müsse hungern.

Nach ein paar Umwegen verschlägt es ihn im Jahr 1953 nach München, wo er sich an der Otto-Falckenberg-Schule zum Schauspieler ausbilden lässt und es schnell ins Ensemble der Kammerspiele schafft. Gleichzeitig wird er für den Film entdeckt und fällt gleich in seinem Debüt „08/15“ als Gefreiter Wagner auf. 1957 gelingt Adorf der Durchbruch, als Mörder in „Nachts, wenn der Teufel kam“. Von nun an wird er sehr oft den Anti-Helden geben müssen, aber das grämt ihn nicht – es sind schließlich meist die interessanteren Rollen. Auch im Ausland wird man auf ihn aufmerksam, Adorf dreht in Italien und Frankreich, schließlich sogar in Hollywood mit Regieberserker Sam Peckinpah. Der will das Riesentalent später noch für „The wild Bunch“ verpflichten, aber Adorf ist da schon wieder weg aus Hollywood. „Ich hatte gute Angebote aus Europa, in Hollywood hätte ich immer nur mexikanische Gärtner gespielt“, erklärt Adorf. Und wie so oft hat er den richtigen Instinkt.

Die jungen Wilden des deutschen Kinos entdecken Adorf für sich, Schlöndorff, Reitz, Verhoeven, Fassbinder. In den Siebziger- und frühen Achtzigerjahren feiert Adorf Triumphe: „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, „Lola“, „Deutschland im Herbst“ und vor allem „Die Blechtrommel“ sind allesamt Klassiker geworden, auch dank dieses Mannes. Es geht nicht immer ohne Schwierigkeiten ab, weil mancher Agitprop-Filmer andere Vorstellungen vom Kinohandwerk hat als der gewissenhafte Arbeiter Adorf, aber der weiß sich zu behelfen. Fassbinder zum Beispiel mag keine Proben, weil das angeblich den Zauber des Augenblicks gefährdet, also probt Adorf nachts heimlich mit Barbara Sukowa.

In den Achtzigern spielt sich Adorf endgültig in die Herzen der Zuschauer, als er in „Kir Royal“ den legendären „Ich scheiß’ Dich zu mit meinem Geld“-Monolog hält, der heute zu den ikonografischen Szenen gezählt werden darf. So ungefähr zu diesem Zeitpunkt hat die Nation Adorf auch endgültig vergeben, dass er in „Winnetou“ kaltblütig Nscho-tschi erschossen hatte, die adrette Schwester des Apachenhäuptlings. Tatsächlich hat man ihn noch jahrelang darauf angesprochen auf der Straße, und der Tonfall war dabei nicht immer der gesittetste.

Heute ist Adorf längst Kulturgut geworden, und wenn man das mal so salopp formulieren darf: Da hat es auch mal den Richtigen getroffen mit dem Kultstatus. Mario Adorf ist nicht einfach nur einer der feinsten Schauspieler des Landes, sondern ein Gesamtkunstwerk, das schreibt, singt, rezitiert und vor allem wunderbar erzählen kann. Man wünscht sich sehr, dem Wahl-Münchner noch zu einigen großen Geburtstagen gratulieren zu dürfen.

Zoran Gojic

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