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Mario Adorf

Interview

Mario Adorf: „Ich bin gegen das Vergessen“

München - Mario Adorf wirkt deutlich jünger als die 85 Jahre, die er kürzlich vollendet hat. Und er ist immer noch ein aufmerksamer Gesprächspartner, der wunderbar erzählen kann. Gerade bereitet er sich auf eine Lesung aus seinem Buch „Schauen Sie mal böse“ in München vor. Es geht vor allem um seine Anfangsjahre an den Kammerspielen.

Am 22. Januar lesen Sie aus Ihren Erinnerungen. Haben Sie so ein gutes Gedächtnis oder haben Sie Tagebuch geführt?

Nein, regelmäßig Tagebuch geführt habe ich eigentlich nie, früher ab und zu auf meinen Reisen. Ich habe da noch einen Stapel von Notizbüchern, in die ich aber nie wieder reingeschaut habe. Im Allgemeinen kann ich mich auf mein Gedächtnis verlassen.

Sie werden den großen Kollegen von den Kammerspielen viel Platz einräumen.

Ich bin gegen das Vergessen, grundsätzlich. Und die Erinnerung an die Kammerspiele ist für mich die Erinnerung an eine Zeit, die für mich persönlich ganz entscheidend war.

Sie sind seit 60 Jahren als Künstler präsent. Wie macht man das?

Ich kann es mir auch nicht so richtig erklären. Vielleicht weil ich nie irgendwelche Krisen hatte, weil ich einfach weitermachte. Vielleicht will ich es auch nicht wirklich wissen. Ein mir befreundeter Psychologe wollte mich einer Analyse unterziehen, damit ich mich selbst entdecke. Ich habe ihm gesagt, dass ich gar nicht wissen will, warum und mit was ich so und so wirke. Wenn ich es wüsste, würde ich es bewusst einsetzen und dann nicht spontan spielen, sondern mich selbst kopieren.

Sie sind noch als Schauspielschüler auf der Bühne und vor der Kamera gelandet. Hat es geholfen, dass Sie etwas anders aussahen als die anderen? Sie waren ja sehr dunkel.

Damals, als ich anfing, Anfang der Fünfziger, waren Dunkelhaarige nicht hoch im Kurs, das stimmt. Die Filmhelden waren alle blond. Mag sein, dass ich auch deswegen auffiel. Und ich hatte Kraft und Naivität, wie Hans Schweikart, der damalige Intendant der Kammerspiele, meine probeweise Aufnahme auf der Otto-Falckenberg-Schauspielschule begründete.

Sie beschreiben Ihre älteren Kollegen sehr liebevoll, aber es klingt durchaus auch wie ein harter Kampf.

Es war nicht immer leicht. Mit Fritz Kortner zum Beispiel. Er konnte sehr schwierig sein, er hat mich auch mal rausgeschmissen. Aber er mochte mich und hat mir später eine große Rolle angeboten. Aber ich war gerade beim Fernsehen beschäftigt. Also hat Intendant August Everding Rolf Boysen engagiert, der dann diese wunderbare Karriere am Theater machte, die ich aber nur anfangs angestrebt hatte. Als der Film kam und ich reisen, andere Menschen treffen, andere Länder kennenlernen konnte, da war mir klar: Ausschließlich Theater spielen, das entsprach letztlich nicht meinen Wünschen, meiner Vorstellung vom Leben. Aber das Theater blieb mir zeitlebens wichtig, und für meine Anfänge an den Kammerspielen empfand ich immer große Dankbarkeit.

Das Sie auch beschreiben: Damals wurde ziemlich gebechert im Theater, während Sie eine gewisse Skepsis hatten.

Das ist richtig. Ich habe mich da rausgehalten. Jede Art von Rausch, von Kontrollverlust, ist für mich undenkbar. Das schiebe ich auf mein italienisches Erbteil. Die Italiener sind weniger dionysisch als apollinisch, das heißt, sie ziehen die geistige Kontrolle dem Rausch vor.

Aber viele Kollegen von Ihnen tranken damals?

Ja, und oft waren es sogar die Besten. Leider sind die meisten daher auch viel zu früh dahingegangen. Ein wichtiger Grund zu trinken war sicher Angst. Man glaubte, dass der Alkohol gegen Versagensangst oder Lampenfieber hilft. Oder statt Alkohol Drogen. Damit hatte ich Gott sei Dank nie zu tun.

Mit Hollywood sind Sie nicht warm geworden?

Es war einfach nicht mein Leben. Erst mal wird einem dieser unglaubliche Druck bewusst. Da wird Dir klar, so besonders bist Du nicht. Da sind hundert andere, mir im Typ ähnlich, und die sind fast alle gut. Und vor allem, sie wollen den Job unbedingt haben, mit allen Mitteln. Diese Konkurrenz, diesen Erfolgsdruck hatte ich vorher in Deutschland, in Italien nie gespürt. Auch die grundsätzliche Ablehnung jeder kreativen Mitarbeit. Man soll seinen Text aufsagen und um Gotteswillen keine eigenen Ideen haben, auch nichts anderes machen als das, womit man bisher erfolgreich war, nicht einmal besser sein, allerdings auch nicht schlechter.

Gibt es etwas, woran Sie trotz allem gerne zurückdenken?

Es war ja nicht alles negativ. Da war der Oscar für „Die Blechtrommel“. Ich habe dort großartige Menschen getroffen, Billy Wilder, Henry Fonda und James Coburn zum Beispiel. Vor allem verdanke ich dem Peckinpah-Western „Sierra Charriba“, der in Mexiko gedreht wurde, dieses Land und seine Menschen kennen und lieben zu lernen. Die Mexikaner nahmen mich, der ich einen von ihnen spielte, vollkommen an. Am liebsten wäre ich dort geblieben.

Sie sind nach Europa zurück und hatten überwältigenden Erfolg – weil Sie den Mut hatten, sich mit dem Neuen Deutschen Film einzulassen, etwa mit Fassbinder.

Die Jungen mussten ja nachkommen. Es gab anfänglich Berührungsängste, denn ich gehörte für die ja schon zum alten Eisen. Und ich galt als „kommerziell“. Die erste Reaktion war oft: „Wir können Sie gar nicht bezahlen.“ Ich pflegte dann zu sagen: „Reden wir nicht über die Gage, sondern über die Rolle!“

Und dann spielten Sie in Meilensteinen des Neuen Deutschen Films.

Ja, aber ich hatte nie das Gefühl, ganz dazu zu gehören, zu dieser Szene. Ich kann mich erinnern, wie ich Hanna Schygulla erzählte, dass Fassbinder überhaupt nicht mit mir sprechen würde. Sie meinte nur: „Sei doch froh. Wenn der mit Dir redet, gehörst Du zu seinem Clan, dann bist Du verraten und verkauft.“ Mit Fassbinder war es ohnehin nicht leicht. Es musste immer schnell gehen. Er war beim Drehen in Gedanken schon beim nächsten Film. Er war bestimmt kein Perfektionist. Andererseits war er immer sehr offen und hat sich Vorschläge angehört und oft auch übernommen. Ich habe diesen Bauunternehmer Schuckert in „Lola“ mit Humor ausgestattet, den er im Drehbuch nicht hatte. Er war einer dieser Macher. Ausbeuter ja, aber auch lebensfroh und großzügig. Bei meiner  Arbeit am Bau hatte ich diese Typen kennengelernt. So einer stellte sich gleich nach dem Krieg hin und sagte: „Hier stelle ich ein Haus hin , sechs, acht Stockwerke!“ Für mich völlig absurd, für mich war Deutschland kaputt und würde es bleiben. So sah ich  es. Es waren erst mal solche Macher, die das Wirtschaftswunder stemmten.

Im Grunde schon die Blaupause für den berühmten Auftritt als industrieller Haffenloher in „Kir Royal“.

Durchaus.

Es gibt zwei Rollen, die Sie immer mit sich herumschleppen: eben diesen Haffenloher mit dem Satz „Ich scheiß Dich zu mit meinem Jeld“ und dann Santer, der Winnetous Schwester Nschotschi erschossen hat.

Ja, das ist so. Aber es macht Freude, dass dieser Satz ein Teil der Fernsehkultur geworden  ist. Interessanterweise hat sich auch für Santer ein Kreis geschlossen: In der Neuverfilmung von Winnetou spiele ich Santers Vater. Ist nur eine ganz kleine Rolle, aber ich habe es sehr gerne gemacht.

Sie sind sich offenbar immer sehr bewusst darüber, was Sie machen wollen und was nicht?

Das hat mit dem Glauben an das zu tun, was man kann. Und auch damit, was man nicht kann. Und das habe ich immer so gehalten. Ich habe viele Rollen abgesagt. Als es damals richtig gut lief, in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, habe ich neun von zehn Rollen abgesagt. Und diese eine Rolle habe ich dann manchmal nur angenommen, weil ich mir sagte: „Wenn du die jetzt auch noch ablehnst, bist du bald aus dem Geschäft.“

Sie drehen immer noch ohne Unterlass. Rosen züchten und den Ruhestand genießen ist nichts für Sie?

Die Versuchung, nicht aufhören zu können, spielt natürlich mit. Irgendwann werde ich sicher sagen: „Jetzt langt’s.“ Aber es ist eine Tatsache, dass man im Film für alte Personen alte Darsteller braucht, warum soll  man das für sich ausschließen? Solange es geht, spielt  man eben noch. Ich habe allerdings eine gewisse Scheu, alte kranke Personen zu spielen. Ich habe einmal einen Krebskranken gespielt und habe darunter sehr gelitten. Geschichten, die im Altersheim, im Krankenhaus spielen, sind mir unangenehm. Ich meine damit nicht, dass ich lieber Senioren spielen würde, die das Alter als den schönsten Lebensabschnitt hochjubeln, sondern dass ich noch ein paar Menschen zeigen möchte, die den Zuschauer sagen lassen: „Ja, so möchte ich auch alt werden.“

Das Gespräch führte Zoran Gojic.

Lesung

am 22. Januar, 20 Uhr, Münchner Kammerspiele; Karten: 089/ 23 39 66 00. Buch: „Schauen Sie mal böse“. Kiepenheuer & Witsch, 176 Seiten; 17,99 Euro.

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