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Der König als Ackergaul des Staates: Mehmet Sözer als Herrscher Chandragupta, der lernt, was Macht bedeutet.

Uraufführung von „Indika“ in München

Marionetten der Macht im Volkstheater

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Der indische Regisseur Sankar Venkateswaran entwickelte fürs Münchner Volkstheater das Stück „Indika“. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:

Der König trägt Scheuklappen. Mit einem Zaumzeug hat er sie über den Kopf gestülpt, und dann legt er sich auch tatsächlich ins Zeug wie ein Ackergaul. Mit einem Joch über den Schultern zieht er den riesigen Holzkasten auf Transportrollen nach vorne, der als Bühne auf der Bühne fungiert. Aber als eine Art Extremsport-Performance hatte dieser Abend ja auch schon begonnen. Während die Zuschauer auf ihre Plätze strömten, ja noch lange, nachdem das Licht schon erloschen war, gab’s auf der Bühne erst mal sehr ausführlich ein Zwischending aus Yoga und Krafttraining zu bestaunen, bei dem die Schauspieler sich in maximaler Zeitlupe aus der Hocke aufrichten oder sonstige gymnastische Übungen vollführen. Sieht meditativ aus, ist aber in Wirklichkeit brutal anstrengend.

„Indika“ ist Venkateswarans zweite Arbeit in München

Die nächste Stufe der Selbstkasteiung wäre es dann wohl, Fakir-mäßig auf einem Nagelbrett zu sitzen, aber so überauthentisch ist er dann zum Glück doch nicht, dieser indische Abend am Münchner Volkstheater. Nachdem der indische Regisseur Sankar Venkateswaran dort vor einem Jahr „Tage der Dunkelheit“ auf der Kleinen Bühne inszeniert hatte, wurde jetzt im großen Haus sein jüngstes Werk „Indika“ uraufgeführt. Den Stoff dafür liefert eine reale Figur aus der indischen Frühgeschichte. Der Herrscher Chandragupta, ein Zeitgenosse Alexanders des Großen, hat als kleiner Rebell angefangen, aber dann in kurzer Zeit ein riesiges Reich in Indien errichtete – beraten oder vielmehr gelenkt von dem Gelehrten Chanakya. Diesen akademischen Strippenzieher gibt Pascal Fligg als leicht mephistophelisch angehauchte Mischung aus Guru, Coach und Unternehmensberater. Er trägt als einziger Schuhe zum modernen Business-Outfit, während alle anderen Akteure, auch der König Chandragupta, barfuß auftreten.

Im Zentrum steht eine Geschichte aus alten Zeiten

Im Mittelpunkt des Abends steht nämlich nicht die Geschichte aus uralten Zeiten, sondern der Autor-Regisseur nimmt sie nur als Anlass, in deutlich symbolischen, stark auf Körpersprache setzenden Szenen die deformierende Wirkung von Herrschaft an sich darzustellen. Die Herrscher tragen bunte Sakkos im Batik-Look, sind aber verkehrt rum in sie reingeschlüpft, mit der Öffnung nach hinten, sodass es aussieht, als steckten die mächtigen Männer in Zwangsjacken. Denn auch sie sind nur austauschbare Marionetten, „alternativlos“ gefangen in den Automatismen der Selbstbehauptung und der Sachzwänge. Allerdings prasselt dafür auch ein minutenlanger Goldmünzenregen auf König Chandragupta hernieder. Der hatte zuerst seine Untertanen auf der Schulter herangeschleppt und exakt hintereinander aufgestellt. Nachdem er ihre Blicke starr nach vorne gleichgerichtet hat, setzt er die „Roboter“ mit einem Fingerschnipsen in Bewegung. Permanent schreiten sie um den Holzkasten herum, aber plötzlich erhöht der König das Tempo, alle beginnen zu rennen, und der Herrscher läuft wie ein Trainer selbst mit. Da fühlt man sich unweigerlich an die Heere von Joggern erinnert, die allüberall um die Häuser hecheln. Sind sie nicht das Musterbeispiel dafür, dass die perfekte Dressur die Dressierten inbrünstig glauben lässt, sie täten wirklich etwas für sich selbst, indes sie, ohne es zu merken, dem Willen des Dompteurs folgen? Schließlich rät schon der Macht-Guru Chanakya dem Herrscher: „Deine Entscheidungen sollten nie den Eindruck erwecken, sie seien nicht zum Wohle des Volkes getroffen worden.“

Mit dieser stellenweise eher an zeitgenössischen Tanz erinnernden Inszenierung gelingt dem Regisseur eine vielleicht etwas zu eingängige, aber wunderbar bildstarke Bühnen-Parabel über die Mechanismen der Macht und die Beschädigungen, die sie Herrschenden wie Beherrschten zufügt. Heftiger Beifall.

Lesen Sie hier unser Porträt des Regisseurs Sankar Venkateswaran.

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