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Mariss Jansons und die Musiker werden ihre neuen Säle-Erfahrungen in die Münchner Überlegungen einbringen.

Interview mit Blick auf den Geplanten Münchner Konzertsaal

Mariss Jansons: Bloß keine zu kurze Hose

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Mailand - Mariss Jansons, Chef der BR-Symphoniker, über sein Klangideal und die Akustikeigenheiten der Säle auf der Europatour.

Katholisch oder protestantisch? Sinnlich oder kühl? Oder doch etwas Ökumenisches? Die Entscheidung für die Akustik des geplanten Münchner Konzertsaals wird gerade zur Glaubensfrage. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks befindet sich derzeit auf seiner wichtigsten Tournee seit langem. Paris, Breslau, Kattowitz, gestern Mailand, danach Luxemburg und Amsterdam: Fast täglich lernt es eine andere Akustik kennen und sammelt Erfahrungswerte. Chefdirigent Mariss Jansons, der zunächst vom fülligen Klang des Saals in Breslau überrascht wurde, scheint sich im Gespräch mit unserer Zeitung schon festgelegt zu haben.

-Paris, Breslau, Kattowitz: In welchem Saal haben Sie sich am wohlsten gefühlt?

Mariss Jansons: In Kattowitz, weil der Klang so klar war. Ich konnte alles hören, alles wirkte sehr durchsichtig. Außerdem gibt es keine Balance-Probleme, und der Saal erlaubt viele dynamische Möglichkeiten.

-Kattowitz ist typisch für den Akustiker Yasuhisa Toyota. Man hört jede Kleinigkeit. Ist das auch eine Gefahr fürs Orchester?

Jansons: Wenn ein Orchester gut spielt, ist es keine Gefahr. (Lacht.) Ich verstehe, was Sie meinen. Aber schauen Sie: Wenn man alles hört, ist das doch eine sehr wichtige Sache – vor allem, wenn das für fast alle Plätze im Publikum gilt. Ich war übrigens auch beeindruckt von der Größe des Saales, obwohl er nur 1800 Plätze hat. Das gibt dem Klang ein wunderbares Volumen. Ein anderes wichtiges Thema: Jeder Saal sollte eine eigene haben, eine Persönlichkeit wie der Wiener Musikverein oder das Concertgebouw in Amsterdam. Das sollte man für München bedenken.

-Vor allem sollte man überlegen, welcher Klang zum Orchester passt. Das BR-Symphonieorchester ist ein hochpräzise agierendes Ensemble, aber nicht so kühl wie ein US-amerikanisches. Es gibt also eine gewisse Wärme. Wie kommt die in einem Toyota-Saal à la Kattowitz zur Geltung?

Jansons: In Breslau einen Tag zuvor gab es einen merkwürdigen großen akustischen Unterschied zwischen der Probe und dem Konzert im vollen Haus. In der Probe hatten wir Nachhall, später klang es dumpfer. Mancher mag das für Wärme halten... Wärme ist schon wichtig. Aber die muss in erster Linie vom Orchester kommen. Man muss den Klang auf diese Schönheit hin entwickeln. Farbe, Ausdruck, dafür sind die Musiker verantwortlich. In einer klaren Akustik wie in Kattowitz ist das möglich, bei der jedes Orchestermitglied sofort auf das reagieren kann, was es spielt. In Breslau gibt es dagegen ein Problem: Sie finden in der Probe eine Lösung – und im Konzert stoßen sie auf völlig andere Verhältnisse.

-Und trotzdem: Säle wie der Wiener Musikverein mit ihrer Eigenresonanz helfen dem Orchester. Wollen Sie auf diesen Effekt verzichten?

Jansons: Ich gebe zu: In Wien gibt es diesen unglaublichen Effekt der Unterstützung. Natürlich ist das schön, wenn einem ein Teppich ausgelegt wird. Aber noch einmal: Ich finde klare Akustiken gut, weil sie dank ihrer Durchsichtigkeit helfen, einen fülligen, schönen Orchesterklang zu entwickeln – wobei überhaupt noch nicht klar ist, ob in München die Wahl auf Toyota fällt. Wir dürfen übrigens nicht vergessen, dass wir im Fall von Breslau, Kattowitz und auch anderen japanischen Beispielen über neue Säle sprechen. Die brauchen Zeit. Auch im wunderbaren Luzern mussten die Akustiker nach der Eröffnung weiterarbeiten. Ich sage immer: Wenn man eine zu kurze Hose hat, kann man nichts anstückeln. Eine lange kann man kürzen.

-All das bedeutet aber auch: Trennscharfe Akustiken wie die von Toyota sind nur gut für Top-Orchester...

Jansons: ...oder andere können daran wachsen und dazulernen.

-Was  passiert denn jetzt nach dieser Tournee, auf der das Orchester so viele verschiedene akustische Situationen kennengelernt hat?

Jansons: Ich bin nicht im Entscheidungskomitee für den Architektenwettbewerb, aber in einem beratenden Gremium. Vertreter des Orchesters und ich sollten nun unsere Erfahrungen zusammenfassen, aufschreiben und einbringen. Und ich hoffe, dass wir gehört werden. Es geht dabei übrigens nicht nur um die Akustik. Die Künstlergarderoben in Breslau zum Beispiel lagen sehr weit entfernt von der Bühne. Auch so etwas muss vermieden werden.

-Ist nicht der Standort des Saales wichtig bei der Wahl der akustischen Situation? Eine kühle, klare Akustik wie die der Elbphilharmonie passt nach Hamburg. Aber nach München?

Jansons: Hm, kann sein. Mehr Legato, mehr Fülle, alle diese Dinge mögen eher zu München passen. Sehr schwierig. Vielleicht kann man einem Saal auch über das verwendete Material Seele geben, über die Inneneinrichtung. Mir ging das in Paris so, diese schwarze Reihen machen einen fast depressiven Eindruck. Ich kenne Hamburg bis jetzt nur von Fotos. Aber diese schönen weichen Formen und die Farben erzeugen doch sofort ein gutes Gefühl.

-Inwieweit sind Akustikfragen Moden unterworfen? Durch den technischen Fortschritt, durch digitale Aufnahmen werden die Hörer mit Perfektion verwöhnt. Ist das immer gut?

Jansons: Das hat zwei Seiten. Natürlich gibt es Dokumente von Furtwängler-Dirigaten, auf denen Fehler zu hören sind. Trotzdem sind diese Interpretationen noch immer großartig. Perfektion als Selbstzweck ist schlecht. Aber genauso schlecht ist es, wenn ein Orchester an seiner Spielweise arbeiten will und das nicht kontrollieren kann. Im Gasteig ist dies das Hauptproblem. Sie können versuchen, tausend Details zu ändern – und doch erzielt man kaum oder gar nicht das erwünschte Resultat.

-Wann wird der Münchner Saal eröffnet, und was dirigieren Sie im Eröffnungskonzert?

Jansons: Laut Einschätzung verschiedener Experten scheint eine Eröffnung zwischen 2022 und 2024 realistisch zu sein. Natürlich wünsche ich mir, dass bald eröffnet wird, aber es wäre schrecklich, wenn aufgrund von Zeitdruck Fehler gemacht würden, die man später jahrzehntelang bereut. Und ich denke überhaupt nicht daran, dass ich das erste Konzert dirigieren könnte. Das ist zweitrangig. Wichtig ist: Ich habe meine Sache erledigt und für den Saal gekämpft.

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