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Ehrlichkeit war für ihn die größte Tugend eines Dirigenten: Mariss Jansons (1943-2019).

NACHRUF

Zum Tod von Mariss Jansons: Der Unfassbare

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Er war der beliebteste und geliebteste Dirigent von allen: Nachruf auf Mariss Jansons, der mit 76 Jahren in seiner Heimatstadt St. Petersburg gestorben ist.

St. Petersburg/München - Keine Tränen der Trauer waren das. Vor einigen Wochen flossen sie in den symphonischen Zwischenspielen von Richard Strauss’ Oper „Intermezzo“. Es war Freude, Dankbarkeit und noch vieles Unsagbares mehr, das Mariss Jansons übermannte – am Pult seines BR-Symphonieorchesters, während eines Tourneekonzerts. Musiker berichten von diesem berührenden Moment in einer Phase, in der längst alles anders geworden war. Ein weiteres Mal hatte sich Jansons zurückgekämpft in den Konzertsaal, wie oft in seinem Leben.

Seit 1996 ging das so, seit seinem schweren Herzinfarkt, den er während einer Aufführung von Puccinis „La bohème“ in Oslo erlitt. Und immer wieder schaffte er es, zog unendlich viel Energie aus dem gemeinsamen Musizieren. Auch in diesem Herbst, als er, noch schmaler, noch verletzlicher geworden, weiter mit den Folgen einer schweren Virus-Infektion vom Sommer 2018 kämpfen musste. Diesen letzten, den schwersten Kampf hat er nun verloren. In der Nacht zum Sonntag ist Jansons mit 76 Jahren in seiner Heimat St. Petersburg gestorben.

Einer der größten Dirigenten unserer Zeit – das sagt sich schnell. Und zugleich hat diese Einordnung etwas Hilfloses, erst recht an einem solch grenzenlos traurigen Tag, weil das Staunen über das Genie die Ratio blockiert. Jansons hatte tatsächlich etwas Unfassbares, in mehrfacher Hinsicht. Zum Beispiel gab es, anders als bei vielen Pultstars, keinen, der ihn rundweg ablehnte, ihn gar bekämpfte. Jansons war wirklich der beliebteste, auch geliebteste Dirigent. Und dies nicht, weil er schmeichelte oder um Zuneigung heischte.

Geburt in Todesgefahr

All dies hängt mit seinem Ethos zusammen, das sich aus einem kindlichen Trauma speist. Sieben Jahre jung war Jansons, als er mit dem Vater, dem Dirigenten Arvids Jansons, und der Mutter, der Opernsängerin Iraida Jansone, von seiner Geburtsstadt Riga nach St. Petersburg ziehen musste. Der Vater hatte dort eine neue Stelle, und der kleine Mariss wurde ins kalte Wasser einer neuen Welt geworfen, deren Sprache und noch vieles mehr er nicht verstand. Eine Kindheit hatte er da bereits hinter sich, die mit „bewegt“ nur unzureichend umschrieben ist: Am 14. Januar 1943 brachte Iraida Jansone ihr einziges Kind zur Welt – im Ghetto von Riga. Als Angehörige einer jüdischen Familie lebte sie damals in Todesgefahr. Ihr Bruder und ihr Vater waren bereits von der SS ermordet worden.

Deshalb entwickelte sich ein besonderes Verhältnis zur Mutter, die Halt geben konnte auch in jener Zeit, als ihr Sohn fast gewaltsam entwurzelt wurde. Nur mit schier übermenschlichem Fleiß, von dem er immer wieder erzählte, konnte er sich mühsam einfinden in dieses neue russische Leben. Es war eine Art zweite Geburt: Mariss Jansons wurde zum besessenen Arbeiter, zum Workaholic.

Dass später seine Orchester in Oslo (1979-2000), Pittsburgh (1997-2003), Amsterdam (2004-2015) und München (2003-2019) geradezu selbstverleugnend mit ihm ein musikalisches Ergebnis formten, hängt mit eben diesem Arbeitsethos des Chefs zusammen. Alle spürten, dass vor ihnen jemand stand, der keine Eitelkeiten auslebte, wirklich und unbarmherzig sich und anderen gegenüber der Musik diente und sich dabei am wenigsten schonte.

Jansons’ Einsatz strahlte aus auf seine Umgebung, spornte die Musiker an. „Weil er sich so aufopfert und verausgabt, mochte man es ihm recht machen und alles geben“, formulierte es einmal Heinrich Braun, Kontrabassist beim BR-Symponieorchester und langjähriger Ensemblevorstand. „Man will ihn einfach nicht enttäuschen.“ Auf eine positive, oft überwältigend sympathische Weise war Jansons geradlinig und damit im besten Sinne durchschaubar. Die größte Tugend eines Dirigenten war für ihn nicht Handwerk, nicht Wissen, nicht Klangbewusstsein oder Ähnliches, sondern: Ehrlichkeit.

Münchens Konzerthaus ist allein ihm zu verdanken

Er war auch ein Taktiker, freundlich, erfahren, clever, unnachgiebig, lästig, nicht zuletzt die Kulturpolitiker bekamen das zu spüren. Jansons kämpfte weniger für sich, sondern immer um seine Orchester. Um eine Stellenaufstockung ging es dann wie bei der ersten Chefposition beim Oslo Philharmonic Orchestra, um die Bezahlung und, wiederum in Oslo und später in München, um einen neuen Konzertsaal. Weil, so argumentierte Jansons, doch erst beste Rahmenbedingungen gute Musik ermöglichten. In Oslo scheiterte nach zwei Jahrzehnten die Zusammenarbeit daran, dass Jansons um diesen Saal quasi betrogen wurde. Ein weiteres Lebenstrauma. Auch deshalb kämpfte er um ein ähnliches Projekt in München. Auch hier wurde Jansons hintergangen von der Politik – und ging aus der Debatte dann doch als Sieger hervor (obgleich er das nie so gesagt hätte): Dass München endlich ein Konzerthaus bekommt, ist allein ihm zu verdanken.

Mariss Jansons blieb bei alledem ein lesbarer Mensch, weil er sich nicht verstellte, sich und seine Arbeit nicht hinter der Maske des Maestros versteckte. Dass er damit auch in gewisser Hinsicht ungeschützt war, wusste er: „Ich bin so, wie wie ich bin – und Schluss“, wie er es einmal im persönlichen Gespräch ausdrückte. „Man soll nicht versuchen, seine Persönlichkeit zu verfälschen. Wenn man Autorität vortäuscht, spürt dies das Orchester sofort.“

Unfassbar blieb Jansons auch als Interpret. Man konnte ihm kein Etikett wie „der Romantische“, „der Klangverliebte“ oder Ähnliches verpassen. Auch weil er in verschiedenen Schulen sozialisiert wurde – bei Jewgenij Mrawinsky, dem legendären Chef der Leningrader Philharmoniker und Diktator der Neuen Sachlichkeit. Beim Klangfetischisten Herbert von Karajan, der ihn protegierte und als Assistenten nach Salzburg holte. Und nicht zuletzt beim eigenen Vater Arvids, mit dem Mariss Jansons eine tiefe, innige Beziehung verband.

Über die Jahrzehnte hinweg blieb Jansons immer offen und durchlässig für neue Interpretationsmodelle. Auch weil er häufig die Proben der Kollegen wie Nikolaus Harnoncourt, Riccardo Muti oder Carlos Kleiber besuchte, mit ihnen diskutierte – und seine Erkenntnisse, seine Deutung nie als letztgültig betrachtete. „Manchmal bin ich froh, wenn ich nur über einen einzigen Takt, über eine einzige Nuance etwas Interessantes finde.“

Er schenkte mehr, als er geben konnte

Sein Kontroll- und Perfektionsdrang strahlte aus aufs Nichtmusikalische. Und deshalb werden in diesen Tagen, in denen die Musikwelt Schwarz trägt, auch andere, amüsante, ebenso bezeichnende Geschichten erzählt werden. Von der Nachtzugfahrt von Moskau nach St. Petersburg zum Beispiel, während der das BR-Symphonieorchester das gerade absolvierte Konzert feierte und der Chef in seiner Kabine schlaflos arbeitete. Oder von legendären Orchestereinladungen in St. Petersburg, für die Jansons mal ein Museum, mal einen Palast mietete – und im Vorfeld mit seiner Frau Irina Wein- und Biersorten testete. Mit fatalen Folgen für beide.

Denn auch das war Mariss Jansons: ein immens großzügiger Gastgeber. Der bei nachmittäglichen Treffen zum Beispiel mit Argusaugen darüber wachte, ob sein Gegenüber genügend Pralinen oder Kuchen bestellte, während er selbst kaum etwas anrührte. Es sei denn, er verspürte einen fast unstillbaren Drang, der ihn etwa im Salzburger Hotel Sacher die legendäre Kalorien-Atombombe „Savarin“ binnen weniger Minuten verspeisen ließ. „Nehmen Sie, nehmen Sie!“ Auch diese Worte in so hinreißender russischer Färbung werden von Mariss Jansons in Erinnerung bleiben.

Eben deshalb war Jansons so groß: weil er nicht nahm, sondern geben konnte und wollte. Dass er uns mehr gegeben hat, als ihm zur Verfügung stand, war vielleicht sein großes Verhängnis. Und dass er sein letztes Konzert am 8. November in New York bestritt mit den „Vier letzten Liedern“ von Strauss, kann kein Zufall sein. „Wir sind wandermüde“, heißt es da. „Ist dies etwa der Tod?“

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