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Seid umschlungen: Die goldenen Jahre seiner Karriere verbringt Mariss Jansons seit 2003 in München. 

HOMMAGE AN EINEN STAR 

Mariss Jansons zum 75. Geburtstag: Chef mit Herz

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Patron, Kämpfer, Maestro mit großem Herz, auch Kontrollator und seit Kurzem glückliches Hundeherrchen: All das ist Mariss Jansons. Eine Würdigung zum 75. Geburtstag.

München - So gesehen arbeitet alles für ihn. An diesem Samstag steht er zwar am Pult in der Elbphilharmonie, mit „Also sprach Zarathustra“ von Strauss und Prokofjews Fünfter, doch hineingefeiert wird anschließend nicht. „Ich bin ein bisschen abergläubisch“, sagt Mariss Jansons. „Man darf vor dem Geburtstag nicht feiern.“ Tags darauf geht der Flieger von Hamburg ins heimische St. Petersburg relativ spät, zur Sause an der Newa kann es also auch nicht kommen. Ein bisschen Familie, ein paar Freunde, das muss reichen. Und wenn Jansons dies erzählt, setzt er sein jungenhaftes Grinsen auf. Glück gehabt.

Mariss Jansons also ein Partymuffel? Sogar an diesem Sonntag, an seinem 75. Geburtstag? Die Fakten sprechen gegen ihn. Man bedenke die ausgelassene Amsterdamer Grachtenfahrt vor zehn Jahren. Oder die beiden Riesenfeste in St. Petersburg jeweils zum Tourneefinale mit seinem BR-Symphonieorchester, für die er ein Stadtpalais gemietet hatte. Und sich, das ist ja die Krux, kein einziges Mal gehen lassen konnte. „Ich darf nicht dirigieren, sitze nur herum, und alles passiert mit mir. Das ist einfach Stress. Wozu also diese Aufregung?“

Perfektionismus, das heißt für Jansons nicht nur Partiturstudium bis zur letzten Sechzehntelpause, sondern auch das Aussuchen der passenden Bier- und Weinsorten für solche Anlässe. Wochen kann das dauern. Und wenn er dann den Gast fragt, wie ihm das Petersburger Fest gefalle, und dieser antwortet „Schneider Weisse hat gefehlt“, um ins erschrockene Gesicht des Maestro zu blicken, weiß man: Solche Witze macht man mit Jansons besser nicht.

Konzertsaal-Eröffnung nur als Ehrendirigent?

Die „goldenen Jahre“ eines Dirigenten, so hat er einmal gesagt, seien doch die zwischen 60 und 70. Dass daraus goldene Münchner Jahre geworden sind, die nun sogar noch länger dauern, ist ein Glück für die Musikfreunde – und fürs Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Nicht nur, weil dieses nach dem kühlen Zuchtmeister Lorin Maazel einen Maestro mit großem, wiewohl etwas krankem Herz bekommen hat. Sondern auch, weil da ein Kämpfer an der Spitze steht.

Womit man bei der K-Angelegenheit wäre. K wie Konzertsaal. Die Sache kommt voran, endlich, allerdings im Schneckentempo. Beruhigt ist Jansons noch lange nicht. Auch das gehört zu seinem Naturell: vorsichtig sein, Widerstände und Gefahren fürchten, seien sie manchmal auch unbegründet. Pessimismus verdrängt bei ihm gern die Zufriedenheit. Er würde es vielleicht Realismus nennen. „Man hat in zwölf Jahren Saal-Diskussion viel versprochen“, rechtfertigt er sich. „Und ich als naiver Mensch habe immer geglaubt, dass in einem Kulturstaat und einer Kulturstadt wie dieser alles für die Musik möglich gemacht wird.“

Wann genau er mit der Fertigstellung rechnet, das mag Jansons im offiziellen Gespräch nicht sagen. Er glaube nur, dass er dann nicht mehr Chefdirigent in München sei – was nach so vielen Jahren in Ordnung gehe. „Natürlich möchte ich das Eröffnungskonzert erleben.“ Doch dafür gibt es schließlich auch andere Positionen und Funktionen. Ehrendirigent, Erster Gastdirigent, der Klassikmarkt ist da ja ganz kreativ.

Dabei läuft es gerade wunderbar für Jansons. Die parallele Chefposition beim Concertgebouw Orchestra hat er aufgegeben. Ganz ohne Streit und zum Leidwesen der Amsterdamer. Doch die Entscheidung hat ihm gutgetan, besonders gesundheitlich. Es ist lichter geworden im Terminkalender. Die jährlichen Doppeltouren jeweils nach Asien oder Amerika haben sich halbiert. Und es scheint, dass er weniger asketisch lebt. Dass es ihm ein bisserl anzusehen ist und gut steht, sollte man allerdings nicht erwähnen.

Verrückt nach Miki

Vor allem aber – Jansons hat mehr Zeit für die Oper. Wer ihn dabei beobachtet, die Emphase registriert, die Lust an der Arbeit mit Sängern und am Bühnengeschehen, der ahnt: Das ist nicht nur Leidenschaft, das ist vielleicht seine eigentliche Bestimmung. Kunststück. Wer in Riga durchs Opernhaus gekrabbelt ist, während Papa Arvids dirigierte, für den ist Oper eine frühkindlich erlernte Selbstverständlichkeit. Ein Pultstar, der zu den Endproben einfliegt, um den Regisseur womöglich an den Rand des Wahnsinns zu bringen, ist Jansons jedoch nicht. Fast jede szenische Probe hat er zum Beispiel bei der Salzburger „Lady Macbeth von Mzensk“ im vergangenen Sommer besucht. Das heißt: sechs Wochen Proben plus Vorstellungsserie – furchtbar viel Zeit hat Jansons durch den Abschied von Amsterdam also nicht gewonnen.

Gerade ist er dabei, seinen neu gewichteten Terminkalender zu balancieren – und damit sein eigenes, gewissermaßen Nach-Amsterdamer Leben. Zusätzlicher Urlaub, so etwas müsste drin sein. Wenn auch Jansons darunter etwas anderes versteht. Mit Sonnenhut und aufgeklappter Partitur am Strand, das ist – zum Leidwesen seiner Frau Irina – keine Anekdote aus dem Reich der Mythen.

Doch Jansons ist anders, weicher geworden. „Verrückt“, wie er selbst sagt. Und dafür ist weniger Irina verantwortlich, sondern Miki. Ein Petit Brabançon, der aussieht wie ein zum Leben erwecktes Steifftier, in Wahrheit aber eine belgische Hunderasse ist. Miki darf alles. Und vor allem wiegt er nur drei Kilo – die perfekte Handgepäckgröße für einen Vielreisenden. „Ich habe ständig Angst um ihn“, sagt Jansons. „Dass es zu nass ist, zu kalt, dass er zu wenig zu fressen bekommt. Er ist wie ein Kind für mich – und fantastisch für die Seele.“ Ein paar Mal ist es schon vorgekommen, dass Miki durch den Herkulessaal und den Gasteig stolzierte, um mit den Musikern zu charmieren. „Er bringt einfach positive Energie. Er ist niemals böse, man kann viel von ihm lernen.“

Gleich mehrfach lassen sich also die späten Jansons-Karrierejahre einteilen. In eine Zeit mit und ohne Amsterdam. In eine Phase ohne und mit Konzertsaal-Kampf. Und eben in eine Ära mit und ohne Hund. Schon bald ist Mikis Herrchen übrigens zurück in München. Um Schuberts Achte im Herkulessaal zu musizieren und dies mit einem 2014 uraufgeführten Klavierkonzert von Jörg Widmann zu koppeln. Ein Kontrastprogramm, das nicht mehr so häufig vorkommt. Schuld daran ist auch, dass der Wert der BR-Symphoniker und ihres Chefs enorm gestiegen ist. International ist man gefragter denn je, doch die Tourneeveranstalter wollen fast nur Standardkost. Jansons bedauert das. Auch wenn solche Reisen wie bald im Mai emotionale Höhepunkte darstellen. Es geht in die Heimat, nach Riga und nach St. Petersburg. Natürlich mit großem Fest an der Newa. Wieder Stress. Die Weinproben dürften bald beginnen.

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