Jansons: „Ich schlafe dann nie“

Das eigene Ensemble in der Heimat präsentieren, das ist selbst für einen weit gereisten Star- Dirigenten wie Mariss Jansons der Ausnahmefall. Dementsprechend hoch war der Adrenalinpegel in St. Petersburg: Eindrücke von der Russlandreise des BR-Symphonieorchesters.

Scheitert’s am Ende am Licht? Die Scheinwerfer des russischen Fernsehens zielen zu flach aufs Orchester („Wir sehen nix!“), und als sie endlich aus sind, fühlt sich keiner für den Schalter der Kronleuchter verantwortlich. Mariss Jansons selbst verlässt das Podium. Was er den Saal-Bediensteten hinter der Bühne gesagt hat, ist leider nicht überliefert. Einige Probenminuten später spielen die Fernglocken nicht auf Schlag („Das G kommt zu spät!“), die Fern-Oboe ist zu leise. Dass der Star nicht schon längst explodiert ist, hängt wohl mit seiner Ermattung zusammen: Anders als das von Moskau nach St. Petersburg geflogene Orchester hat er den Nachtzug genommen: „Ich schlafe dann nie.“

48 Musiker bleiben in Brüssel hängen: Flug abgesagt

Man sieht es ihm an. Das blasse Gesicht. Die kleinen Augen, umrahmt von dunklen Schatten. Noch mehr aber ist spürbar, welchen Grenzwerten sich der Adrenalinpegel nähert. Es ist der zweite emotionale Ausnahmezustand für ihn auf dieser Europatournee. Nach dem Gastspiel in Luzern ging es nach Amsterdam, dorthin, wo Jansons sein zweites Ensemble, das Concertgebouw Orkest, befehligt und wo daher besonders kritische Ohren auf die Münchner warteten. Nach Stopps in Brüssel und Moskau schließlich das große Finale in St. Petersburg. In der Stadt, wo Jansons seit seinem 13. Lebensjahr beheimatet ist, seit er also mit seinen Eltern von Riga in die damalige Sowjetunion ziehen musste.

Der Tournee-GAU liegt da schon hinter allen. 48 Musiker, rund die Hälfte, bleiben in Brüssel hängen. Aeroflot begründet das zunächst mit dem Wetter in Moskau (dort scheint bei Tauwetter die Sonne), später mit dem Gesundheitszustand des Piloten. Also: umbuchen und verteilen. Auf Flüge über Berlin, Wien, Frankfurt und München. Stundenlange Zwischenstopps, die Letzten kommen am Konzerttag (!) erst um 6 Uhr früh im Moskauer Hotel an. Müdigkeit hat Wut verdrängt. Erst mal schlafen, dann eine Runde im Zentrum.

Die Sonne leckt dort bei wolkenlosem Himmel die Schneereste von den Dächern. Der Rote Platz ist eine Baustelle: Pflasterarbeiten. Der Saal des Tschaikowsky-Konservatoriums hat sein Lifting schon hinter sich. Vor vier Jahren, beim ersten Gastspiel des BR-Symphonieorchesters mit Jansons, präsentierte sich der Raum mit Rissen, Flecken und abblätternder Farbe: Das soll der legendäre Musik-Ort sein? Jetzt ist der federnde Parkettboden erneuert, die Wände strahlen in frischem Lindgrün, bei den großen Komponistenporträts tat man freilich zu viel des Guten, Tschaikowsky, Bach oder Beethoven blicken nun wie mit Extra-Lippenstift auf Publikum und Podium.

Zwei Konzerte spielt man heuer hier, Anlass ist das Rostropowitsch-Festival, das von dessen Tochter Olga organisiert wird. Und dass daheim Karfreitag ist, kümmert in Russland, wo Ostern erst Anfang Mai gefeiert wird, keinen: Berlioz’ musikalischer LSD-Trip der „Symphonie fantastique“ ist Hauptwerk des ersten Konzerts. Noch mehr aber passt hierher das Programm des zweiten Abends: Bei Prokofjews „Romeo und Julia“ und bei Strawinskys „Feuervogel“ atmet der Saal förmlich mit. „Das hebt ab“, sagt Solo-Pauker Raymond Curfs. „Das ist richtig Rock’n’Roll.“

Beim Gespräch am zweiten Moskau-Tag ist Jansons – noch – entspannt. Er erzählt von Rostropowitsch („wie ein Gott für mich“). Er lobt sein Orchester, dessen professionelle Haltung er „Selbststolzheit“ nennt. Und er berichtet von seinen Träumen: Ein Opernhaus würde er  gern leiten. „Aber mit jungen Leuten.“ Den Nachwuchs ausbilden, das wäre noch etwas nach den unzähligen Dirigaten bei First-Class-Orchestern. Ob er, der gerade 70-Jährige, den 80. Geburtstag anders als beim aktuellen Jubeltag mit seinen beiden Orchestern feiern wolle? „Ganz bestimmt nicht.“ Dann eher mit den Opernleuten, grinst Jansons. „Mit jungen Sängern – und Sängerinnen.“

Eine entscheidende Hürde gibt es noch vor dem Konzert in St. Petersburg: Schafft der Laster mit den Instrumenten die 14-stündige Fahrt? In Moskau schneit es mittlerweile, doch das Arbeitsgerät des Orchesters trifft rechtzeitig in Jansons’ Heimatstadt ein. Kalt ist es dort, die Newa ist zugefroren. Nachdem drinnen, im weiß-roten Prachtsaal der Philharmonie die enervierende Anspielprobe erst 15 Minuten vor Konzertbeginn enden kann, setzt ein Rennen und Drängeln ein: Als die Ordner die Türen öffnen, eilen, rasen, stolpern die Stehplatz-Kartenbesitzer herein. Man will beste Sicht auf den großen Sohn der Stadt, viele sind mit Blumensträußen gekommen.

Doch Jansons kann immer noch nicht beginnen. Erst muss er eine Rede von Georgi Sergejewitsch Poltawtschenko anhören. Der Gouverneur von St. Petersburg ehrt den Dirigenten für seine Verdienste um die Stadt. Beethovens Fünfte klingt danach präsenter, wuchtiger, direkter als in Moskau – untermalt von mehreren Handys, am längsten ausgerechnet im langsamen Satz. Vor dem dritten Satz von Berlioz’ „Symphonie fantastique“ redet ein Mann vernehmlich, auch vor dem vierten – Wodka-Folgen?

So, wie er das Stück hier aufführt, ist Jansons auf direktem Weg in die karajaneske Klangverdichtung. Das Orchester spielt in riesiger Besetzung mit 18 ersten Geigen und zehn Kontrabässen. Musik, genau aufgedröselt – und mit Imponiergehabe. Wo Berlioz’ Opus wie besinnungslos dem Ende zurasen müsste, erreicht es im kraftvollen Trab eines Muskelmannes die Ziellinie. Rhythmisches Klatschen, Standing Ovations, zwei Zugaben, immer wieder werden Blumensträuße nach oben gereicht.

Die zweite Ehrung wird Jansons dann auf dem Abschlussfest zuteil. Wie vor vier Jahren hat er ein Petersburger Palais gemietet und lädt sein Orchester ein. „Gehen Sie, gehen Sie!“, treibt er alle Richtung Buffet. Hörfunkdirektor Johannes Grotzky überreicht dem Dirigenten das – bis dato eher unbekannte – Verdienstabzeichen des BR. Ein Studienfreund von Jansons bietet mit Elektro-Violine nebst zwei ebenfalls älteren Mitstreitern (Klavier, Schlagzeug) und einem jüngeren Kontrabassisten Jazz vom Feinsten. Das Orchester jubelt. Wie Jansons den emotionalen Extremzustand im nächsten Jahr bewältigen soll, wagt man sich bei dieser Party noch nicht vorzustellen: 2014 gastiert er mit seinem BR-Orchester in Riga, in seiner Geburtsstadt. „Mein Vater wäre in diesem Jahr 100 geworden. Zu diesem Konzert Nein zu sagen, wäre doch eine Schweinerei gewesen.“

Markus Thiel

Aufzeichnung

des Konzerts in St. Petersburg morgen, 22.30 Uhr, im Bayerischen Fernsehen;

Hinweis: Das Merkur-Abo mit dem BR-Orchester wird fortgesetzt, ein Aufruf dazu erfolgt im Juli.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mordmotor mit Unwucht
Andreas Kriegenburg inszenierte William Shakespeares „Macbeth“ fürs Münchner Residenztheater
Mordmotor mit Unwucht
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
München - Hansi Kraus ist der ewige Lausbub - auch, weil er diesen in Ludwig Thomas Lausbubengeschichten verkörpert. Im Interview spricht Kraus auch über die …
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
Stapellauf fürs Themenfrachtschiff
Hamburg - Jörg Widmanns monumentales und mehrheitsfähiges Oratorium „Arche“ ist eine Maßanfertigung für die Hamburger Elbphilharmonie. Die Konzertkritik.
Stapellauf fürs Themenfrachtschiff
Im Minenfeld
München - Bernhard Maaz, Chef der Staatsgemäldesammlungen, spricht im Merkur-Interview über Kunst in der NS-Zeit, Gurlitt, Raubkunst, Provenienzforschung und Restitution.
Im Minenfeld

Kommentare