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Mariss Jansons, Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks.

Merkur-Interview

Mariss Jansons: "Es gibt in München noch einiges zu verwirklichen"

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München - Im Interview mit dem Münchner Merkur spricht Mariss Jansons, Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters, über seine Vertragsverlängerung und die Chefsuche bei den Berliner Philharmonikern.

Sehr viel deutet darauf hin, dass weite Teile der Berliner Philharmoniker bei ihrer Chefwahl auf Mariss Jansons gezählt hätten. Doch wenige Tage vor dem Konklave in der Hauptstadt gelang dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks der Coup, den 72-Jährigen zu einer Vertragsverlängerung ab 2018 zu bewegen. Während also mancher Kollege noch immer auf den Telefonanruf wartet, plant Jansons schon seine Münchner Zukunft.

War Ihr Votum für das Symphonieorchester des BR auch eines gegen die Berliner Philharmoniker?

Mariss Jansons: Absolut nicht. Ich dirigiere die Berliner Philharmoniker seit 1971, wir haben ein sehr gutes Verhältnis. Ich habe immer gesagt, dass das BR-Symphonieorchester entscheiden muss, ob es mit mir noch arbeiten will. Das war und ist das Wichtigste. Wie ich das verstanden habe, gab es eine sehr große Mehrheit für mich in der Orchesterversammlung. Das hat mir die Sicherheit gegeben, dass ich meine Aufgabe hier fortsetzen muss. Es gibt in München noch einiges zu verwirklichen. Ich liebe dieses Orchester wahnsinnig.

Haben Sie dass erwartet, dass die Berliner Chefwahl ohne Ergebnis bleibt?

Mariss Jansons: Ganz ehrlich: nein. Ich verstehe die Philharmoniker aber. Sie müssen lange Jahre mit einem Chef auskommen. Besser also ein langsamer Entscheidungsprozess als am Ende unzufrieden sein.

Hat die Berliner Situation damit zu tun, dass man noch gar nicht weiß, was heute von einem Chefdirigenten zu erwarten ist? Wie sehr hat sich diese Aufgabe verändert?

Mariss Jansons: Heutzutage muss ein Chefdirigent eine universale Persönlichkeit sein. Er muss natürlich ein sehr guter Musiker sein, einer mit breitem Repertoire, aber auch einer, der sich bei gesellschaftlichen Anlässen präsentiert. Er muss sich einmischen können. Nach meiner Meinung war Simon Rattle für all das ein wunderbares Beispiel. Der richtige Chefdirigent für unsere Zeit.

Ist es nicht so, dass die musikalischen Generalisten immer weniger werden?

Mariss Jansons: Das Spezialistentum hat begonnen mit der Alte-Musik-Bewegung, die uns wirklich sehr viel gebracht hat. Doch diese Zeiten sind langsam vorbei, auch Harnoncourt, eine der größten Musikerpersönlichkeiten überhaupt, hat sich verändert. Nehmen Sie Karajan, der damals ein unglaublich breites Repertoire beherrschte, nicht alles gleich gut, aber das geht ja auch nicht. Es kann schon funktionieren, dass ein Chefdirigent ein eher begrenztes Repertoire hat, aber ich glaube, die andere Variante ist die bessere. Das erwarten Orchester und Publikum.

Mariss Jansons: "Plötzlich wurde der Dirigentenberuf ungeheuer populär.

Auf dem Dirigentenmarkt herrscht eine merkwürdige Situation. In der auch für die Berliner interessanten Altersklasse zwischen 50 und 60 finden sich kaum Prominente. Es gibt die großen Namen der Älteren und die Jungstars, die dadurch für alle möglichen Positionen genannt werden. Wie kam das?

Mariss Jansons: Vor 15, 20 Jahren hat eine Entwicklung begonnen. Plötzlich wurde der Dirigentenberuf ungeheuer populär. Auch viele Instrumentalisten fingen damit an. Die andere Sache: Zurzeit besetzt die junge Generation alle möglichen Positionen, nicht nur in der Musik übrigens. Dass ein junger Kollege eine große Chefposition besetzt, ist normal geworden. Auch, weil dauernd Sensationen erwartet werden. Vielleicht bin ich da altmodisch. Aber zu früh an eine wichtige Aufgabe zu kommen, halte ich für gefährlich. Ein junger Künstler muss Zeit haben für seine Entwicklung, eben um ein breites Repertoire zu entwickeln. Nur ein Programm probieren und dirigieren, das lernt man bald. Ein Chef ist aber auch ein Orchestererzieher. Ich bin für die langsamen Karrieren, so ging es mir ja auch. Ich habe nie etwas forciert. Und noch eine dritte Sache ist vielleicht schuld an der Situation: Die ältere Generation hat keine starke Brücke zur mittleren gebaut.

Sie sagten am Anfang Ihrer Münchner Ära, Sie wollten die „goldenen Jahre“ eines Dirigenten, also zwischen 60 und 70, bei einem solchen erstklassigen Orchester verbringen.

Mariss Jansons: Nun sind es sogar einige mehr – hatten Sie das jemals gedacht? Nein. Ich habe eben dieses Prinzip: Wenn es gut geht, wenn es noch Entwicklungsmöglichkeiten, Ideen und Energie gibt, wenn es auch meine Gesundheit erlaubt, dann kann ich bleiben. Aber dafür kann man keine Prognosen stellen. Ich kenne Kollegen wie Lorin Maazel, die wollten immer nach zehn Jahren aus Prinzip wechseln. Das respektiere ich. Doch so jemand bin ich nicht. In München ist meine Aufgabe Nummer eins der neue Konzertsaal. Wenn ich sehe, welche Möglichkeiten es zum Beispiel in Berlin gibt für ungewöhnliche Projekte neben den normalen Konzerten, um neues Publikum zu gewinnen, auch für Kammermusik – in München haben wir für so etwas keine Räume. Es kann in ein paar Jahren eine dramatische Entwicklung geben, dass uns Publikum verloren gehen, dagegen müssen wir schon jetzt etwas tun.

Gerade hat Ministerpräsident Horst Seehofer in unserer Zeitung gemeint, der Standort Olympiapark sei „am plausibelsten“. Sind Sie optimistischer als vor zwei, drei Wochen?

Mariss Jansons: Ja. Die Politiker haben zum ersten Mal kapiert, warum München einen neuen Saal braucht und es nicht mit den vorhandenen Räumen geht. Eine große Rolle haben dabei die Reaktionen aus der Bevölkerung gespielt. Das haben die Politiker nicht erwartet. Mir ging es übrigens auch so. Vor ein paar Monaten war ich noch pessimistisch und dachte mir: Alles ist aus, was soll man jetzt noch machen?

Also hängt die Konzertsaal-Frage doch mit Ihrer Vertragsverlängerung zusammen.

Mariss Jansons: Das nicht. Ich habe immer gesagt, dass ich nicht wie eine Primadonna sein will. Als Chefdirigent muss ich mich aber gleichzeitig fragen, welche neuen Herausforderungen auf einen warten. Und wenn ich merke, dass ich in eine Sackgasse komme, dann fängt man schon mit dem Nachdenken an. Das hat aber nichts mit einer beleidigten Haltung zu tun. So etwas finde ich kindisch.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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