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„Ich studiere schon wie ein Verrückter“: Mariss Jansons bereitet sich gerade auf den 1. Januar vor.

Mariss Jansons: "Im neuen Saal tanze ich Tango"

München - Im Rahmen der Eröffnungsfeierlichkeiten für einen neuen Münchner Konzertsaal könnte sich Mariss Jansons einen Ball des BR-Symphonieorchesters vorstellen. Im Interview spricht er über das Neujahrskonzert, Wiener Würstchen und die geplante Isarphilharmonie.

Dass er gerade Mahlers Neunte bei „seinem“ Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks krankheitsbedingt absagen musste, war ein kleiner Schock. Doch Mariss Jansons ist schon wieder auf dem Damm. Derzeit bereitet sich der 68-Jährige auf eine weltweit beachtete Aufgabe vor: Zum zweiten Mal nach 2006 dirigiert Jansons in der kommenden Woche das Wiener Neujahrskonzert im Großen Musikvereinssaal.

Wie geht es Ihnen?

Mittlerweile fühle ich mich wieder ganz gesund. Ich war mit meiner Frau auf Mauritius, da war es furchtbar heiß. Dann der elfstündige Rückflug ins kalte, feuchte St. Petersburg – da habe ich mir wohl das Virus geholt.

Zum zweiten Mal Neujahrskonzert: Geht man an die Aufgabe lockerer heran, weil man weiß, was einen erwartet?

Ich studiere schon wie ein Verrückter. Man weiß natürlich, was auf einen zukommt. Die große Druck bleibt aber. Das erste Konzert war ja sehr erfolgreich, jeder erwartet nun, dass das zweite noch besser wird.

Denken Sie dabei „nur“ ans Publikum im Musikvereinssaal oder auch an die vielen Millionen vor den Fernsehschirmen?

Wenn ich dirigiere, denke ich nur an die Musik. Und an den Kontakt zu meinem jeweiligen Orchester. Natürlich ist das ein besonderes Konzert. Aber eine Extra-Aufregung spürt man eher vor dem Auftritt. Sobald ich anfange zu dirigieren, spielt die Musik die Hauptrolle.

Die Wiener Philharmoniker spielen Walzer und Polkas seit ewigen Zeiten. Wie bringt man diese Musiker dazu, auf den Dirigenten zu achten?

Wissen Sie, dieses Orchester ist sehr flexibel. Natürlich liegt ihm diese Musik im Blut. Wenn man allerdings mit interessanten, überzeugenden Vorschlägen und Interpretationen kommt, dann sind die Philharmoniker offen für alles. 2012 ist übrigens mein 20-jähriges Jubiläum bei den Wienern. Ich habe sie fast jedes Jahr dirigiert, auch auf Tourneen.

Wie frei sind Sie in Ihrer Programmwahl beim Neujahrskonzert?

Mit dem Programm ist das so eine Sache. Auf drei Punkte ist zu achten: Man muss Werke bringen, die nie gespielt wurden. Dann Stücke, die wenig aufgeführt wurden. Und schließlich die Pflichtstücke bis zum Donauwalzer. Diese drei Aspekte müssen in eine gute Balance gebracht werden. Das ist nicht so einfach.

Und wie belastend ist der ganze Rummel außerhalb des Konzertsaales?

Der gehört eben dazu. Das Konzert muss möglichst schnell mit CD und DVD auf den Markt gebracht werden. Am 2. Januar sitze ich im Studio und höre mir die Mitschnitte aller Proben und der drei Konzerte an, das Programm wird ja schon am 30. und 31. Dezember gespielt. Daraus muss ich innerhalb eines Tages das Beste auswählen, weil CD und DVD schon am 7. Januar erscheinen. Ich finde das aber nicht schlimm. Wenn es möglich ist, über ein solches Konzert Interesse an der Klassik zu wecken, dann ist das doch wunderbar. Dieses Konzert kann für viele der erste Schritt in die Musikwelt sein. Sie lernen damit Grundsätzliches kennen: Was ist ein Dirigent? Was ein Orchester? Wie klingen Geigen? Das dürfen wir nie vergessen! Deshalb darf man nicht arrogant sein und sagen: Das ist alles Kommerz. Abgesehen davon ist das wunderbare Musik. Sie essen doch auch nicht nur Kartoffelsuppe oder Wiener Würstchen. Manchmal wollen Sie auch Schokolade oder Crème brûlée haben.

Und das aus Ihrem Mund. Übermäßig viele Süßwaren gestatten Sie sich ja nicht gerade...

(Lacht.) Manchmal schon. Okay, zu viel ist nicht gut. Außerdem: So häufig spielt man doch Johann Strauß gar nicht. Man überfüttert das Publikum also nicht. Wichtig für einen Dirigenten ist es auch, diese Musik richtig zu genießen. Ich tue das, weil Strauß viel in St. Petersburg gespielt wurde. Ich bin mit dieser Musik aufgewachsen, außerdem habe ich ja in Wien studiert. Leider verschwindet die echte Operette aus dem Musikleben.

Wie feiern Sie eigentlich Silvester?

Nach dem Silvesterkonzert gehe ich ins Hotel. Um zwölf Uhr trinke ich mit meiner Frau ein bisschen Champagner. Und dann gehen wir schlafen.

Und wann haben Sie das letzte Mal mir Ihrer Frau Walzer getanzt?

Oh, nun ja... In meiner Jugend wurde sehr viel getanzt. Auch in Tanzlokalen, das gibt es ja heute kaum mehr. Und das ist schade. Diskotheken sind nichts für mich. Das ist was für junge Leute, außerdem ist es dort zu laut und zu heiß. Bei uns zu Hause wurde früher auch zu Geburtstagen nach dem Essen getanzt und gesungen. Ich hatte immer einen Traum. Ich wollte einen Orchesterball in München organisieren. Da sagte man mir: Das ist nichts für diese Stadt. Mich überzeugt das aber nicht. Wissen Sie was? Wir machen das in unserem neuen Konzertsaal! Es entwickelt sich ja gerade alles in seine sehr gute Richtung.

Wie optimistisch sind Sie?

Ich will mir nicht zu früh zu viel erhoffen. Ich sehe nur, dass es wirklich vorangeht. Meine Hoffnung ist stärker geworden. Es war ja so schwierig, das Thema überhaupt in der Diskussion zu halten. Nach dem Scheitern der Planung im Marstall mussten wir bei null beginnen. Nun haben aber wichtige Leute verstanden, dass der Saal notwendig ist. Dauernd wird gefragt: Wo kommt das Geld her? Aber entscheidend war es doch, überhaupt den Willen für ein solches Projekt aufzubringen und endlich einen Standort zu finden. Erst dann kann man die finanziellen Sachen klären. Dieses Projekt ist nicht nur wichtig für München, sondern für die Musikentwicklung in ganz Bayern. Ein Lokomotiv-Projekt! Das müssten doch auch Politiker außerhalb Münchens einsehen. Wir dürfen da nicht zu provinziell denken. Wenn diese Planung scheitern sollte, dann hat München mindestens für die nächsten 50 Jahre keinen guten Saal.

Und was dirigieren Sie im Eröffnungskonzert?

Oh, mein Lieber, an so etwas denke ich nicht. Wenn der Saal kommt, bin ich einfach glücklich. Dann machen wir dort den ersten Ball des BR-Symphonieorchesters. Das ist also meine nächste Aufgabe. Erst den Saal durchbringen, dann den Ball organisieren. Und dann tanze ich zur Ball-Eröffnung mit meiner Frau Tango.

Das Gespräch führte Markus Thiel

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