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Ein bestechendes Orchesterfest feiern die BR-Symphoniker im 2011 eröffneten Konzertsaal von Helsinki.

ERFAHRUNGEN SAMMELN FÜRS MÜNCHNER KONZERTHAUS

Das BR-Symphonieorchester auf Tour mit dem „great Conductor“

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Was Helsinki wohl München voraus hat? Vor allem einen hochgerühmten Konzertsaal. Mariss Jansons und sein BR-Symphonieorchester debütierten im Musiikkitalo - und sammelten Erfahrungen fürs eigene Projekt.

Riga/ Helsinki - „Und jetzt, Ladies and Gentlemen, die Ladezone!“ Sicherlich gibt es lauschigere Orte in diesem Bau, und Normalbesucher dürften sich nur bei schweren Orientierungsstörungen hierhin verlaufen. Trotzdem lässt die geschätzt 50 Meter lange Betonhalle viele Herzen schneller schlagen auf dieser Führung. Die einer Handvoll mitgekommener Musiker, die des Orchester-Managements und der Bauamtsvertreter des Freistaats Bayern, vor allem aber eines: das von Johannes Backhaus. Er ist so etwas wie der Logistikmeister des BR-Symphonieorchesters. Platz für drei Lkw-Züge nebeneinander, Instrumentencontainer können bequem ebenerdig in alle sieben Säle gerollt werden, keine Stufen, keine Barrieren – ein Paradies.

Auch sonst, glaubt man den emphatischen Bekundungen der Dame vom Musiikkitalo, dem Haus der Musik, hätten sich hier Adam und Eva – was die Kunst betrifft – wie bei Gottvater gefühlt. 188 Millionen Euro Baukosten (anerkennendes Nicken der bayerischen Beamten), pro Monat gut hundert Veranstaltungen, drinnen luftige Foyers, ein Bistro mit Terrasse, Wiesenflächen, auf denen im kurzen finnischen Sommer gepicknickt und gebladet wird, ein Bau, der sich durchlässig und offen gibt in jeglicher Hinsicht. Vor allem aber ein Konzertsaal in dunkler Birkenholzoptik, der Sauna-Laune und zugleich Noblesse verbreitet. Ob man Erfahrungen für München mitnehmen kann? Aber klar.

Konzerte in der Heimat des Chefdirigenten

Während der Probe in Helsinki wandert Mariss Jansons zur Akustikkontrolle durch den Saal.

Keine normale Tournee ist das, die das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gerade unternimmt. Weil in Riga gestartet wurde, der Geburtsstadt von Mariss Jansons. Weil es später nach St. Petersburg geht, dem Wohnsitz des Chefdirigenten, danach noch nach Moskau. Weil beim 2011 eröffneten Saal von Helsinki Informationen und Eindrücke fürs eigene Konzerthaus im Münchner Werksviertel gesammelt werden. Und weil eigentlich alles die Ersatzlösung darstellt für eine mangels Veranstaltergeld abgesagte Südamerika-Reise, aber das ist eine ganz andere Geschichte.

„Viel Wärme müssen sie bringen“, fordert Jansons bei der 45-minütigen Anspielprobe in Helsinki. Es ist ein Doppel-Debüt, für ihn und das Ensemble. Die Hälfte der Zeit treibt es den Maestro um, eine Wanderung durch den Saal, an verschiedene Hör-Orte, während vorn – wie so oft in solchen Fällen – Geiger Wolfgang Gieron das Orchester lotst. Akustisch ist alles eine leichte Enttäuschung. Details und Pianostellen werden überscharf profiliert, eine Spezialität von Yasuhisa Toyota, vor dessen Akustik mittlerweile kaum ein neuer Saal mehr sicher ist. Doch ab der Forteschwelle schlägt der Klang um ins Diffuse. Für „Don Juan“ von Richard Strauss und Ravels „La valse“ gibt es nicht genug Raum. Frank Peter Zimmermann, mitgereister Solist in Prokofjews erstem Violinkonzert, dreht sich verschmitzt zu Jansons: „So ’n bisschen CD-Sound“ sei das doch.

Die Akustik funktioniert erst mit gefüllten Publikumsreihen

Kann sein, dass der finnische Architekt Marko Kivistö ein Opfer seiner Design-Ambition geworden ist. Der Saal liegt im Keller, weit unter Straßenniveau. Treppen ergießen sich an den Publikumsblöcken vorbei, die finnische Wasserfelsen symbolisieren, hinab zum hellen Podium. Und damit es den tagsüber probenden Orchestern oder dem Publikum in den Pausen nicht zu fad und duster wird, wurde ein umlaufendes Glasband eingebaut, das Blicke nach außen ermöglicht. Während des Konzerts wird das durch Jalousien verdunkelt. Doch Glas und gute Akustik, das schließt sich eigentlich aus.

Zur Beruhigung: Im Konzert, mit 1700 oft locker gekleideten Musikfreunden, bei denen Pullis, Sakkos, auftoupierte Frisuren und der dort ebenfalls sitzende, hünenhafte Star-Bass Matti Salminen genügend Klang schlucken, ist es anders, besser. Der kühle Labor-Eindruck bleibt, aber nun arbeitet der Saal mit bei Strauss, Ravel und Rossinis einleitender „Tell“-Ouvertüre. Die BR-Symphoniker feiern ein bis in kleinste Solo-Verästelungen bestechendes Orchesterfest, besonders bei Strauss wird der Toyota-Saal auf Körpertemperatur gebracht. Frank Peter Zimmermann verblüfft, weil er bei Prokofjew selbstverständliche Virtuosität, einen edlen, extrem flexiblen Ton und hintergründigen Witz verbindet. Mariss Jansons dirigiert aktiver, freier, lustvoller als in Riga. Für die erste Zugabe, dem Menuett aus Boccherinis Streicherquintett, verlässt der Chef grinsend und auf Zehenspitzen das Pult: Das schaffen die schon allein.

Münchner Musiker als „Ladykillers“-Band

Tags zuvor, in der Geburtsstadt, ein anderer Eindruck. Jansons ist sehr nervös, auch noch Jetlag-geplagt nach der New-York-Tournee. Das Opernhaus, in dem er einst als Kind umhergekrabbelt war und dem Vater Arvids bei den Dirigaten lauschte, bietet die übliche trockene Theaterakustik. Vor allem aber sitzen an diesem Abend Bekannt- und Verwandtschaft im Saal. Das lettische Fernsehen überträgt die Heimkehr des großen Sohnes. Im Zugabenteil lässt das Finale aus Bartóks „Wunderbarem Mandarin“ das 900-Plätze-Haus erzittern, Boccherinis Streicher-Menuett bringt Kinofans zum Grinsen: Das Stück diente den Gangstern aus „Ladykillers“ einst als Tarnung für ihre Taten.

Standing Ovations in Riga - im Opernhaus lauschte Jansons einst als Kind seinem dirigierenden Vater.

Im November 2014, als Jansons erstmals mit seinem BR-Ensemble in Riga gastierte, da habe er beim Flug über Lettlands Wälder geweint, sagt er später. Von „my Country“ spricht er auf dem Empfang nach dem Konzert. Standing Ovations, rhythmisches Klatschen und Blumen über Blumen liegen da hinter ihm. Eine Vertreterin des Ministerpräsidenten überreicht Jansons ein „Diploma“ und muss selbst über die Bezeichnung lachen, es ist eine Art Ehrenurkunde. Und Raimonds Vejonis, ranghöchster Gast, fackelt nicht lang. Kurze Begrüßung des Staatspräsidenten und ein Satz mit schwerem lettischen Akzent. „He is a great Conductor.“ Mehr gibt es auch nicht zu sagen.

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