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Auf weitere glorreiche Jahre: Mariss Jansons trat seinen Münchner Posten 2003 an. Eine derart lange Zusammenarbeit ist ungewöhnlich.

BR-SYMPHONIEORCHESTER

Lebensprojekt München: Mariss Jansons bleibt bis 2024

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Das ist auch eine kulturpolitische Entscheidung mit Blick auf den Konzertsaal: Mariss Jansons bleibt seinem Orchester ungewöhnlich lang erhalten.

München - Die Zeit der Flitterwochen, des himmelhoch jauchzenden Honeymoons ist schon lange vorbei. Mariss Jansons und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das ist vergleichbar mit einem in innigster Selbstverständlichkeit und Zuneigung verbundenen Paar, das Verrücktheiten nicht mehr braucht als Gunstbeweise. Sicher gab es kleine Durchhänger seit dem Amtsantritt anno 2003. Und gewiss erreicht der Liebeshormonpegel nicht mehr die schwindelerregenden Anfangswerte. Anderes, Wichtigeres, Entscheidenderes bestimmt diese Ehe, in der eine Zeit der Ernte angebrochen ist.

Ein tiefes, wechselseitiges Vertrauen kennzeichnet die einzigartige Zusammenarbeit – die nun noch länger dauert, als mancher sich das zunächst vorstellen konnte. Ein Vertrauen, das der Kontrollator Jansons, da ist er selbstkritisch, lernen musste. Bis 2024 wird nun der Vertrag als Chefdirigent beim BR verlängert. Seine bisherige Vereinbarung läuft bis 2021. Ein Dreijahresschritt ist typisch. Weniger erwartbar war, dass der inzwischen 75-Jährige dies noch ein weiteres Mal praktiziert: Am Ende seiner Vertragslaufzeit ist Jansons 81.

All das spricht also Bände. Auch kulturpolitisch gesehen. Die Verlängerung bedeutet, dass Jansons das Projekt Konzerthaus München weiter offensiv begleiten und vorantreiben will. Auch das BR-Symphonieorchester setzt damit ein starkes Zeichen: Einen anderen Anwalt für den Saal kann man sich dort nicht vorstellen. An solch einem Fürsprecher und Lästigwerder kommen die Entscheidungsträger nicht vorbei.

Jansons dürfte den neuen Saal am Ostbahnhof eröffnen

Immer mehr wird deutlich, dass Jansons das Konzerthaus tatsächlich als Lebensprojekt betrachtet. Nicht, weil er sich damit ein Denkmal setzen will, sondern weil er das Projekt als kulturell unabdingbar betrachtet und nicht auf persönlichen Ruhm aus ist. Wer diesen Mann auf einen Sockel stellen will, kann sogar seinen Zorn zu spüren bekommen – wie sein ehemaliges Orchester in Oslo, das einst eine Jansons-Büste aufstellen ließ.

Ob der gebürtige Lette und St. Petersburger noch Chef ist, wenn das Konzerthaus am Ostbahnhof eröffnet wird, ist allerdings fraglich. Einen genauen Termin traut sich niemand offiziell zu nennen. 2024, 2025 oder später, alles scheint möglich. Als fix gilt aber: Sollte es die Gesundheit von Jansons zulassen, wird er den Saal im Zweifelsfall als Ehren- oder Erster Gastdirigent einweihen.

2003 bis 2024, also 21 Jahre Chef, das ist selten geworden in einer Musikszene, in der Pultstars oft nach sieben bis zehn Jahren zu neuen Posten streben. Jansons überflügelt damit seinen Vorvorvorgänger Rafael Kubelik, mit dem er oft verglichen wird und der 18 Jahre lang an der Spitze stand. Dass er sich im achten Lebensjahrzehnt nicht zurückzieht, um „nur“ noch als Gastdirigent und ohne administrative Verpflichtungen Lieblingswerke zu dirigieren, passt ebenfalls zu Jansons. Wer als Soldat nicht General werden will, habe den Beruf verfehlt, so ähnlich pflegt Jansons dieses Thema zu kommentieren. Ohne die Lizenz zum Formen und Gestalten funktioniert der Dirigentenberuf für ihn nicht.

Dass er sein Orchester noch immer überraschen kann, gehört auch zu dieser langen Liaison. Zum Beispiel wie vor einiger Zeit mit einer peniblen, neu aushörenden Probenarbeit für Beethovens „Eroica“-Schlager. Oder, wie im Mai passiert, mit einer anstrengenden Fummelei bei Ravels „La valse“. Zeit der Ernte, das bleibt für Jansons ein aktiver Vorgang – und ist nicht gleichbedeutend mit einer Zeit des Ausruhens.

Und was passiert nach 2024?

Hinzu kommt: Jansons fühlt sich gesundheitlich ausgesprochen gut, das bestätigen zudem die Musiker. Ohne Zweifel hat das zu tun mit seinem Abschied beim Amsterdamer Concertgebouw Orchestra, die Chefposition gab er 2015 auf. Weniger Tourneen und Konzerte, mehr Zeit für München, mehr Zeit aber auch für seine geliebte Oper. Eine Produktion pro Jahr findet sich derzeit im Terminkalender, nächste Premiere ist Tschaikowskys „Pique Dame“ am 5. August bei den Salzburger Festspielen.

Und dann, nach 2024? Das BR-Symphonieorchester befand sich schon immer in einer komfortablen Situation. Langwieriges Dienern vor den Pultstars hatte man nie nötig. Und wie strategisch gewitzt man dort vorgeht, hat nicht zuletzt 2015 gezeigt. Damals schnappte man den Berliner Philharmonikern ihren geplanten Chefdirigenten weg: Jansons sollte für eine Interimsperiode verpflichtet werden, eine Vertragsverlängerung nur wenige Tage zuvor in München machte diese Pläne zunichte.

Auch für die Zeit nach 2024 dürfte man sich Gedanken gemacht und Gespräche geführt haben. Namen wie Andris Nelsons, Antonio Pappano oder Gustavo Dudamel schwirren immer mal wieder durch einschlägige Debatten. Ein besonders aussichtsreicher Kandidat kommt aus Kanada. Yannick Nézet-Séguin (43), ab diesem Herbst Chefdirigent der New Yorker Metropolitan Opera, müsste dazu indes seine Aufgaben dezimieren. Das scheint gerade zu passieren: Bis 2026 ist der stilistisch extrem polyglotte Star beim Philadelphia Orchestra unter Vertrag, schon 2022 dürfte er das Orchestre Métropolitain in Montréal verlassen. Ein Posten-Überfluss, den Mariss Jansons übrigens für sich immer abgelehnt hatte.

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