The Notwist als da sind Martin Gretschmann, Michael und Markus Acher (v. li.). Sie spielen am 10. und 11. April live im Bayerischen Rundfunk ihr Album „Neon Golden“. Ausgestrahlt wird das Konzert am 31. Mai, 19.05 Uhr, auf Bayern2. Foto: Agentur

Markus Acher von „The Notwist“ über das Album des Jahrzehnts

München - Als das Album „Neon Golden" der Weilheimer Band „The Notwist" am 14. Januar 2002 erschien, hätte kaum jemand gedacht, welchen Erfolg es haben würde.

Weilheim wurde kurz zum Nabel der Pop-Welt erklärt und „Radiohead“-Sänger Thom Yorke outete sich als Fan. Jetzt, wo die Wogen längst geglättet sind, hat die „Zündfunk“-Redaktion des Bayerischen Rundfunks „Neon Golden“ zum „Album des Jahrzehnts“ gekürt – am 10. und 11. April führt die Band es beim BR live auf (ausverkauft). Grund genug für einen Rückblick mit Sänger Markus Acher.

-Herr Acher, was ist denn Ihr persönliches Album des Jahrzehnts?

Spontan? Das Solo-Album von Mark Hollis oder „The Soft Bulletin“ von den Flaming Lips sind toll. Aber ich fürchte, die sind beide schon in den 90ern erschienen.

-Wie haben Sie reagiert, als Sie erfahren haben, dass man „Neon Golden“ zur „Platte des Jahrzehnts“ gekürt hat?

Ich war komplett überrascht. Ralf Summer vom Zündfunk kam mit der Bestenliste und hat mir die Plätze 20 bis 2 vorgelesen. Von Missy Elliott bis zu „LCD Soundsystem“. Und er fragte mich, was meiner Meinung nach auf Platz eins gelandet sei. Ich habe krampfhaft überlegt: Was war da jetzt noch nicht dabei? Dass unsere LP das sein sollte, damit habe ich nicht gerechnet.

-Wie fühlt man sich, wenn etwas, das man vor knapp zehn Jahren in der bayerischen Provinz geschaffen hat, bis heute weltweit so vielen Leuten gefällt?

Das freut uns sehr. Aber an so etwas denkt man natürlich nicht, wenn man die Platte aufnimmt.

-Wann haben Sie gemerkt, dass das Ding etwas Großes sein könnte?

Zu dem Zeitpunkt, als es internationale Reaktionen darauf gab. Als Journalisten aus den USA und anderen Ländern uns interviewen wollten. Dort wurde „Neon Golden“ ja von vielen als unser Debüt-Album angesehen – für die war es kurios, dass wir schon seit über zehn Jahren Platten aufgenommen und als Punk-Band angefangen hatten.

-Es ist tatsächlich ein weiter Weg von den heftigen Anfängen zu „Neon Golden“ mit seinem Gemisch aus elektronischen Texturen, Indie-Pop und Kammermusik.

Für uns war es ein logischer Weg zur Erkenntnis, dass es nicht laut und verzerrt sein muss. Wir hatten anfangs noch nicht so viele Möglichkeiten, alles musste sehr viel schneller gehen. Bei „Neon Golden“ hat alles gepasst, es war die erste Platte, bei der wir im Studio viel ausprobieren konnten. Sie hat uns musikalisch Türen geöffnet.

-Mit „Neon Golden“ stand Weilheim plötzlich im Fokus. Manche Musikjournalisten erhoben die Stadt zu einer Stil-Hochburg wie etwa Manchester oder Seattle. Schmeichelt einem das?

Eine zwiespältige Sache. Da wurde viel an den Haaren herbeigezogen. Jede Überhöhung hat ja den gegenteiligen Effekt: Irgendwann finden’s die Leute wieder langweilig. „Indie-Tronic“, wie das damals genannt wurde – das Vermischen von gespielten und programmierten Sounds –, ist heute nicht mehr so spannend. Und das finde ich auch gut so.

-Die Fangemeinde musste lange auf den Nachfolger von „Neon Golden“ warten. War der Druck zu groß, den der Erfolg der LP mit sich gebracht hat?

Der Druck wurde uns erst in der Retrospektive bewusst – auch, dass die nächste LP, „The Devil, You + Me“, eigentlich nur verlieren konnte. Wir haben immer mehr Spuren übereinander geschichtet und neu geordnet. Damit haben wir vielleicht den Bogen überspannt, auch wenn wir etwas Neues gefunden haben. Es ist eine Übergangsplatte. Wir fangen jetzt an, wieder mehr zusammenzuspielen – und unsere Vielschichtigkeit gleichzeitig nicht zu verlieren.

-Kommt das neue Album bald?

Wir arbeiten noch nicht dran. Wir haben letztes Jahr den Soundtrack zum Film „Sturm“ veröffentlicht und bringen in Kürze noch eine Single für einen Film raus. Wir arbeiten wieder an unserem Projekt „13 & God“, Martin Gretschmann wird wieder ein Hörspiel machen. Für uns ist es ganz gut, dass wir so viele Projekte verfolgen können. Sonst wäre der Druck viel höher. Es gibt Perioden, da denke ich gar nicht an Notwist.

Das Gespräch führte Johannes Löhr.

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