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Gipfeltreffen der Superstars: Hausherr Riccardo Muti (r.), Chefdirigent des Chicago Symphony Orchestra, begrüßt seinen Kollegen Mariss Jansons.

Nordamerika-Reise

BR-Symphoniker verlassen Bühne mit leuchtenden Augen

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München - Kultur-Redakteur Markus Thiel begleitet für den Münchner Merkur die BR-Symphoniker auf ihrer Nordamerika-Reise. Er fasst die neusten schönen und erstaunlichen Erlebnisse zusammen.

Von außen könnte der Klinkerbau eine Bank sein. Oder eines der vielen Vorlesungsgebäude, die – neben der großen Kreuzung mit Kneipen, Restaurants und Bars – das Zentrum bestimmen. Innen ist es allerdings ziemlich hui. Zwei Stockwerke geht es hinauf, was nach wenig klingt, doch von oben, aus den letzten Reihen, tut sich der Abgrund auf. Steil stürzen die Ränge des Hill Auditoriums in die Tiefe, dorthin, wo sich ganz fern und klein das BR-Symphonieorchesters gerade mit Lust in die Kurven von Dvoraks achter Symphonie legt. Gut 3400 Plätze hat dieser Saal, was bei 110.000 Einwohnern ein bizarres Missverhältnis ergibt: 46.000 Sitze müssten demnach in den neuen Münchner Konzertsaal eingebaut werden.

Wie Chapel Hill, die zweite Station der Orchestertournee, ist auch Ann Arbor, Reise-Ort Nummer vier, eine reine Universitätsstadt. Als das Ensemble mit Bussen vom Hotel weit draußen am Highway ins Zentrum gebracht wird, fährt man vorbei an Studenten, die mit freiem Oberkörper auf Terrassen vor den WG-Häusern lümmeln, manche auch auf den Vordächern, einige grillen. Nicht einmal 15 Grad hat es, man feiert das Ende des Winters – vor einigen Tagen lag in Michigan noch Schnee. Im Riesensaal, der aussieht wie ein aufgeblähtes Dreißigerjahre-Kino, dann ein weiteres Missverhältnis. Die Bühne ist relativ klein, Umkleidemöglichkeiten gibt es kaum, die Musiker ziehen sich in den engen Gängen um, manche müssen ein Stockwerk tiefer, wo die Wasserrohre schon auf 1,90 Meter Deckenhöhe verlaufen.

Das Gebäude wurde einst errichtet und wird heute gefördert von der University of Michigan Society, deren Kulturarbeit in die 137. Saison geht. Für herumreisende Stars ist das Hill Auditorium eine feste US-Station. Die Berliner Philharmoniker mit Simon Rattle waren schon hier, viel früher auch die Münchner Philharmoniker mit Sergiu Celibidache. Hornist Eric Terwilliger, damals noch Phili, mittlerweile BR-Mann, erinnert sich an einen rappelvollen Saal damals. Beim Konzert der Jansons-Truppe ist das nicht der Fall, aber womöglich hat es viele Studenten einfach zu den Open-Air-Partys gezogen.

Die Akustik ist keine Offenbarung, aber sehr direkt und, nun ja, amüsant. Im Korngold-Violinkonzert klingt die Bratschengruppe vom Parkett aus so, als habe man für sie Mikrofone zugeschaltet. Und wenn man nach der Pause unters Dachjuchhee wechselt, knallen einem Bläser und Pauke dort oben herrlich um die Ohren und in den Bauch. Mit der BR-Band in der Dvorak-Disco – auch mal eine neue Erfahrung. Die stressigste Reisephase ist das gerade fürs Orchester. Konzert, kurze Nacht, Flug, Konzert, kurze Nacht, fünf Stunden Busfahrt von Ann Arbor nach Chicago inklusive Panne mitten auf dem Highway, Nachmittagskonzert, tags darauf Flug nach New York. Doch von Gruppenkoller (noch) nichts zu spüren, im Gegenteil: Als sich der Pilot auf dem Flugfeld von Ypsilanti nahe Ann Arbor verfährt, als die Maschine dann endlich steht und alle ihre Koffer direkt vom Flieger in die drei Busse daneben verladen müssen, ist das Gelächter groß.

Die Atmosphäre stimmt, vielleicht auch, weil alle eine neue Flamme haben. „Einpacken und mitnehmen“, das ist nicht nur der Wunsch von Dirigent Mariss Jansons nach dem Konzert in Montréal. Die 2011 eröffnete Maison symphonique, Heimat des L'Orchestre symphonique de Montréal mit seinem Chefdirigenten Kent Nagano, ist ein Wohlfühlsaal. Das helle Holz-Interieur und die lichten Glasfoyers bieten eine Mixtur aus Noblesse und Gemütlichkeit, aber auch die Akustik stimmt. Sicher mag der Raum nicht nach Stradivari à la Wiener Musikverein tönen. Aber selbst Großformate wie die aus München mitgebrachte siebte Symphonie von Schostakowitsch haben hier Platz, mehr noch: Der Saal scheint mitzuatmen, der Musik mit Grandezza Raum zu verschaffen. Müssen wir als Tourneestation unbedingt wieder einplanen, so die Meinung der Musiker, die mit leuchtenden Augen die Bühne verlassen.

Orchestermanager Nikolaus Pont trifft sich im Anschluss mit den Saal-Verantwortlichen. Nicht nur Dirigent Jansons spukt das geplante Münchner Projekt ständig im Kopf herum, auch allen Beteiligten. Bei jedem Neu-Erspüren eines Saales (Montreal ist ein Debütort für alle, Ann Arbor für viele) stellt sich dem Tross die Frage: Welche Erfahrungen und Fakten können wir mitnehmen fürs Werksviertel am Ostbahnhof? Zwischen konstruktiver Debatte und etwas zu penetrantem Lobbyismus, adressiert an die mitreisenden Gäste, verwischt da gern die Grenze. Geschenkt, es ist ja das zentrale Thema der nächsten Jahre. Der japanische Wunderakustiker Yasuhisa Toyota, das hört man heraus, soll dringend für München gesetzt sein. Nur: Wie bringt man das den weißblauen Entscheidungsträgern bei?

Eine akustische Pracht ist auch die Symphony Hall in Chicago, diese jäh aufsteigende, neobarocke Riesencremedose. Schostakowitschs Siebte wird zum Triumph, was für die Münchner viel heißt: „Das ist doch so, als wenn man im fremden Wohnzimmer spielt“, sagt Flötist Philippe Boucly. Der Saal ist Heimat des Chicago Symphony Orchestra, das hier seinen Kristallsound verfeinern durfte und mit einer einschüchternden Reihe an Chefdirigenten wuchert. Mit Präzisionsfetischist Fritz Reiner etwa, mit Georg Solti, Daniel Barenboim, aktuell ist es Riccardo Muti, ständiger Gast auch beim BR. Der Italiener kommt zur Probe, umarmt den Kollegen mehrfach, bis jeder das Foto auf Digitalchip gebannt hat. Er bewundere und liebe Mariss Jansons, sagt Muti, ebenso natürlich wie das BR-Orchester. Ein fünfminütiges Gipfeltreffen, das vom Hausherrn gleich relativiert wird. „Ein Dirigent ist ein Problem, zwei sind ein Desaster." “

Im News-Blog schreibt Kultur-Redakteur Markus Thiel über die USA-Reise der BR-Symphoniker.  

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