Marlon Brandos Schauspiellehrerin

- Sie hat Marlon Brando unterrichtet, Robert de Niro, Warren Beatty, Harvey Keitel und viele andere Hollywood-Berühmtheiten, die als Tochter von Jacob P. Adler, einem Star des Jiddischen Theaters, 1901 in New York geborene Stella Adler. Sie selbst ist allerdings nie berühmt geworden, zumindest nicht international wie ihr ebenfalls in der Stanislawski-Tradition arbeitende Kollege Lee Strasberg, Mitbegründer des avantgardistischen Theaters "The Group", dem sie auch eine Zeit lang angehörte.

Als eine Art Vermächtnis hat Howard Kissel 22 Adler-Lektionen herausgegeben, die unter dem Titel "Die Schule der Schauspielkunst" bei Henschel erschienen sind. Ein Buch für Schauspielstudenten,  aber  auch  für  alle theaterwissenschaftlich Interessierte. Schon wegen Adlers anderem Ansatz: Geht es bei Strasbergs "Method" - dies der Begriff, der sich während seiner 30-jährigen Leitung des illustren New Yorker Actor's Studio herausgebildet hat - um das emotionale Gedächtnis, um das Wachrufen früher erlebter Gefühle, konnte Stella Adler dieser der Psychologie und Psychotherapie nahe stehenden Methode nichts abgewinnen.

"Wenn Sie nicht sprechen können, können Sie nicht schauspielen. Dann sind Sie langweilig."

Stella Adler

Bei ihr soll die Fantasie einen Zugang zu einer Figur verschaffen. Außerdem war es ihre Auffassung, dass ein präzises Ausagieren einer mit tieferem Hintergrund ausgestatteten Handlung notwendigerweise bereits Gefühle errege, sowohl im Schauspieler wie auch im Zuschauer. Ein eher bodenständiges Herangehen an die Schauspielkunst, entsprechend Adlers eigener Entwicklung - ab dem vierten Lebensjahr hat sie das Handwerk in der Truppe ihres Vaters erlernt -, entsprechend auch ihrem aus heutiger Sicht eher konservativ erscheinenden Berufsethos.

Ihre wiederholten Aufforderungen an ihre Schüler auch für den Alltag, sich elegant zu kleiden, nicht schlampig zu reden, nicht auf einem Stuhl zu lümmeln, hohe Ziele, ja Größe anzustreben, sind durchweht vom Geist einer vergangenen Ära. Stella Adler, so wie sie in diesen versammelten (und offensichtlich nur ganz leicht gekürzten) Unterrichtsnotizen und transkribierten Tonbandaufzeichnungen 'rüberkommt, war - eine Dame.

Und man hört sie gleichsam live im Unterricht sprechen, was das Lesen schon ein wenig langwierig, aber auch authentisch macht: "Sie müssen eine Schauspielerstimme haben. Es ist mir egal, ob sie grässlich klingt oder schön, aber in jedem Fall möchte ich Volumen. Wenn Sie nicht sprechen können, können Sie nicht schauspielen. Dann sind Sie langweilig. Merken Sie sich das!" Genau in dieser Art besteht das Buch aus mehrfach variierten Übungsanweisungen, Vergleichen mit vorangegangenen Unterrichtseinheiten, Anekdoten und Beispielen aus dem Alltag, die ein darstellerisches Problem lösen, eine Hürde überwinden helfen. Kurz, es wird des Öfteren weitschweifig.

Aber wer sich durch diese 22 Lektionen durchwühlt, wird über Adlers einerseits praktische und andererseits geradezu philosophische Herangehensweisen eine Menge Einsichten gewinnen: von der bedeutungsgebenden Handhabung der Requisiten über das Einleben in ein Kostüm bis zur innerlichen Vorbereitung auf den Auftritt und dem eigenen Ausstatten einer Figur mit einer im Text nicht vorhandenen Vergangenheit. Und immer wieder Ermutigungen im Tenor von "Seien Sie jemand".

Stella Adler: "Die Schule der Schauspielkunst".

Aus dem amerikanischen Englisch von Maria Buchwald und Angela Schmitz.

Henschel Verlag, Berlin, 207 Seiten; 22,90 Euro.

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