Bundesregierung verbietet Auftritt von Erdogan in Deutschland

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Marsch in die Katastrophe

- Das Unheil naht auf leisen Sohlen - aus dem Schreibmaschinengeklapper der kleinen Trommel löst sich im Pizzikato pianissimo der Streicher eine Melodie, die unbeschwerte Operetten-Erinnerungen wach ruft: "Da geh' ich zu Maxim." Doch das scheinbar Banale ist oft das Allergefährlichste, in den Werken Dmitrij Schostakowitschs allemal. In einer Steigerung, die auch in der an Klangballungen nicht armen Symphonik des 20. Jahrhunderts beispiellos ist, verzerrt sich das triviale Thema zur Fratze, tritt seinen Marsch an in die Katastrophe.

<P>Als Schostakowitschs siebte Symphonie 1942 uraufgeführt wurde, lag aus gegebenem Anlass ganz nahe, wie das Werk zu interpretieren sei: als musikalische Versinnbildlichung des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, der Not des Vaterlandes unter dem Joch der Invasoren und des schließlichen Triumphes über den faschistischen Feind. Schnell hatte der Koloss seinen vaterländischen Ruf weg und den Beinamen "Leningrader". Und nahezu jede Plattenaufnahme sah sich genötigt, die entsprechenden Klischees mit Fotos aus der zerbombten Metropole und Bildern grimmiger Sowjetsoldaten im realsozialistischen Stil zu bedienen. So auch die Neueinspielung der Siebten durch Musiker des St. Petersburger Kirov-Orchesters und der Rotterdamer Philharmoniker unter beider Chefdirigenten Valery Gergiev.</P><P>Wie genau dieser Orchestermix bewerkstelligt wurde, ist dem Beiheft der Aufnahme nicht zu entnehmen _ deutlich hörbar jedoch, dass Gergiev dem früher so dunkel-aufgerauten Sound russischer Orchester westliche Klangbrillanz vorzieht. Die tendenziell massig gesetzte Symphonie profitiert von solcher Aufpolitur und offenbart in zügigen Tempi trotz etwas aufdringlichen Nachhalls federnde Transparenz, ohne dadurch an Geheimnisfülle und Rätselhaftigkeit zu verlieren. Denn Gergievs schärfend-unprätentiöse Sichtweise macht rasch klar, dass mit der plumpen Kriegs-Metapher den komplexen Brechungen und Spiegelungen dieser Musik nicht beizukommen ist.</P><P>Was ein wirklicher Propaganda-Schinken ist, führt der Dirigent auf einer zweiten Neuveröffentlichung vor: Sergeij Prokofjews Kantate "Alexander Nevsky", ursprünglich die Musik zu einem Film Sergej Eisensteins über den Großfürsten, der im zwölften Jahrhundert Russland erfolgreich gegen die Schweden und den Deutschen Orden verteidigte. Auch hier eine Interpretation auf künstlerisch hohem Niveau _ und dennoch können weder das Kirov-Orchester, der Chor des Mariinsky-Theaters und der verschattet-volle Mezzosopran Olga Borodinas, noch die gelegentlich aufblitzenden Prokofjew'schen Seidenfäden verschleiern, worum es sich hierbei wirklich handelt: Sowjet-Kitsch, so platt wie ärgerlich.</P><P>Dmitrij Schostakowitsch: Symphonie Nr. 7 C-Dur; Sergej Prokofjew: "Alexander Nevsky", Skythische Suite. Kirov-Orchester, Rotterdamer Philharmoniker, Valery Gergiev (Philips).</P>

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