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Christian Thielemann: „Will man wirklich 100 Millionen Euro im Boden versenken?“

Der Marstall ist auch nicht das Gelbe vom Ei

Münchens GMD Christian Thielemann über konzertante Opern, Probleme der Philharmonie und seinen Vertrag

Auch wenn es den Titel offiziell (noch) nicht gibt: Mittlerweile bekleidet Christian Thielemann neben seiner GMD-Position bei den Münchner Philharmonikern ein weiteres Amt – den des Chefdirigenten der Bayreuther Festspiele. Was nicht heißt, dass er München deshalb vernachlässigen will, im Gegenteil. Zur hiesigen Konzertsaal-Debatte nimmt er hier explizit Stellung: An den Marstall glaubt Thielemann nicht mehr.

Wie hat man sich die Arbeit des Bayreuther Chefdirigenten vorzustellen?

Das frag’ ich mich auch gerade (lacht). Also, der kümmert sich natürlich ums Orchester, um Planungen und um einige Besetzungsfragen. Aber ohne in den Verdacht zu geraten, Kollegen zu verhindern. Das ist ja das, was die Leute oft argwöhnen.

Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier haben schon zueinandergefunden. Glauben Sie an weitere Familienzusammenführungen?

Momentan nicht. Aber ich habe auch gelernt, dass in Bayreuth alles möglich ist. Ich will mich nicht in diese Querelen einmischen. Das ist doch, als ob Sie Ihren besten Freunden dauernd Ratschläge erteilen. So wie’s jetzt läuft, ist es sehr schön. Eine totale Genugtuung für beide Töchter. Sie wissen, was sie Bayreuth und ihrem Vater schuldig sind.

Mit den Münchner Philharmonikern führen Sie den „Rosenkavalier“ in Baden-Baden und danach konzertant im Gasteig auf. Wollen Sie aus dem Ensemble auch ein Opernorchester machen?

Ich will einfach nur, dass wir auch anderes Repertoire spielen. Oper tut dem Orchester gut, macht flexibel und Spaß. Und im Gegensatz zu manch routiniertem Ensemble wird bei einem Symphonieorchester nicht geschummelt. Das geht im besten Sinne naiv an ein Stück ’ran. Nach dem „Rosenkavalier“ machen wir weiter mit „Elektra“, danach mit dem „Ring“.

Wenn Sie mal eine Bilanz Ihrer bisherigen Münchner Tätigkeit ziehen: Welche Überraschungen gab es – positive wie negative?

Sicher kann man immer an kleinen Schrauben drehen. Aber was die klangliche Homogenität angeht, haben wir unglaublich viel erreicht. Vor allem, weil ich beharrlich bei meinem Repertoire geblieben bin. Die klassischen Stücke sind eben die wichtigsten für ein Orchester, sie bieten die größten Anforderungen in geballter Form. Hier kommt allerdings diese heikle akustische Situation dazu, weil sich die Musiker untereinander schlecht hören können und daher zu direkt am Schlag spielen. Womit wir wieder beim Thema „Konzertsaal für München“ wären.

Glauben Sie, dass der noch realistisch ist?

Ich appelliere einfach an den Münchner Stadtstolz. Was die Kultur betrifft, hat diese Stadt Weltgeltung. Was den Konzertsaal betrifft, nicht. Wer die beste Fußball-Arena hat und die schönste Schlösser-Landschaft, kommt nicht umhin, sich einen ordentlichen Saal zu leisten.

Also Marstall oder Umbau der Philharmonie?

Man wird dahinterkommen, dass das mit dem Marstall nicht das Gelbe vom Ei ist. Ich bin dafür, dass Philharmoniker und BR-Symphonieorchester zusammenwirken. Und da ist schon die Frage, ob man am Marstall-Standort hundert Millionen Euro im Boden versenken möchte. Oder ob man die Philharmonie umbaut oder entkernt. Wenn man hier Kluges entwickelt, ist für beide Orchester Platz. Das Problem mit den Belegungsplänen ist lösbar. Ich glaube, dass hier ein gemeinsamer Saal für Philharmoniker und BR drin wäre.

Und wenn der Marstall doch kommt: Wandern Sie mit den Philharmonikern dorthin ab?

Das weiß ich auch nicht. Aber wie gesagt: Ich glaube ja gar nicht, dass der Marstall-Saal kommt. 1800 Plätze sind für München außerdem zu wenig, mindestens 2000 müssen’s schon sein. Außerdem ist der Standort nicht gut. Einen Saal bunkerartig zu versenken, das finde ich etwas unglücklich.

Sie haben bei den Philharmonikern einen Vertrag bis 2011. Wie geht es weiter?

Wir sind gerade in Verlängerungsverhandlungen. Sonst würde ich mit meinem Orchester den „Ring“ für Baden-Baden ja gar nicht planen.

Das Gespräch führte Markus Thiel

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