Menschen zwischen Stress und Erfolg: In dem Stück „Wir schlafen nicht“ spielen (v.l.n.r.) Katrin Röver, Sebastian Fritz , Ulrike Willenbacher, Jens Atzorn , Agnes Kiyomi Decker und Matthias Renger. foto: christian Zach/fkn

Marstall

Junge Regisseure „gemeinsam in den Wahnsinn“

München - Sechs junge Regisseure, sechs Premieren, eine Bühne: Im Marstall endet die Spielzeit mit einem Festival der Nachwuchstalente. Ab morgen lautet das dramaturgische Thema Hochstapelei.

Aus wenig ganz viel machen – das ist eine Lesart von Hochstapelei. Und so passt das, was sechs junge Regisseure geleistet haben, gut zum Thema ihres gemeinsamen Projekts: Für das Bayerische Staatsschauspiel sollten sie Geschichten von Hochstaplern und Selbstinszenierern erzählen. Dafür hatten sie wenig Zeit und wenig Geld. Morgen und am Freitag feiern ihre Werke unter dem Festival-Titel „Marstallplan“ Premiere im Münchner Marstall.

Ein halbes Dutzend Aufführungen vorbereiten und an zwei Abenden aufführen – das bedeutet viel Spontaneität, viel Spaß, aber auch wenige Proben. Innerhalb von zwei bis drei Wochen musste jede Aufführung stehen. Veronika Maurer, 29, ist eine der beteiligten Dramaturginnen. „Uns war klar: Es muss etwas Schnelles entstehen“, sagt sie. „Die Schauspieler arbeiten an mehreren Stücken gleichzeitig, die Ausstattung muss sparsam sein – aber das haben wir bewusst so gewählt“, erklärt sie. „Wir wollten das Thema Hochstapelei formal anwenden. Das gehört zu unserem Beruf – wir blasen heiße Luft!“

Das klingt wiederum etwas tief gestapelt, denn die Beschreibungen der einstündigen Stücke versprechen originelle Herangehensweisen. So arbeitet Gernot Grünewald mit „Lügensucht im Dienste der Ich-Erhöhung“ dokumentarisch, nutzt Videos aus der „Hochstapler-Metropole München“. Das Stück „Wir schlafen nicht“ (Regie: Gregor Turecek), das auf einem Text von Kathrin Röggla und deren Interviews mit Managern und Unternehmensberatern beruht, entstand in Kooperation mit der Bayerischen Theaterakadamie August Everding. „Die Hamletmaschine“ (Regie: Katrin Plötner) ist ein Hohelied des Welttheaters und zugleich dessen Abgesang. In „Hundeherz“ (Regie: Martina Gredler) verwandelt ein Wissenschaftler bei Tierversuchen zur sexuellen Verjüngung versehentlich einen Straßenköter in einen Proletarier – hier hat der Arzt definitiv zu hoch gestapelt. „Fragebogen“ (Regie: Alexander Riemenschneider) beruht auf 200 Fragen, die Max Frisch sich und der Welt in seinem Tagebuch stellte.

Das Festival ist eine Spielwiese für den dramaturgischen Nachwuchs, „ein Format, an das man experimentell herangehen kann“, sagt Maurer. Das Stück „Container Paris“, bei dem sie Regie führt, beruht auf einem Text von David Gieselmann – und der ist noch gar nicht fertig. Mehr als 40 Leute sind beteiligt, damit der „Marstallplan“ aufgeht: „Sommerlich-freudvoll, ohne Anspruch auf Kulturbürgertum“, erklärt Maurer. „Wir stürzen uns zum Abschluss der Spielzeit gemeinsam in den Wahnsinn.“

von Ann-Kathrin Gerke

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