Regisseurin Christine Umpfenbach (Mitte) bei der Probe für "Urteile" über die Münchner NSU-Morde.

Inszenierung über die rechte Mordserie

„Es ekelt mich“: Die NSU-Morde im Residenztheater

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München - Ein Interview zur Premiere im Marstall: Christine Umpfenbach über ihr NSU-Stück „Urteile“ und über den Umgang mit den Opferfamilien.

Die „Türken-Mafia“, so mutmaßten die Kripo und manche Medien, seien schuld an den als „Döner-Morden“ bezeichneten Taten im Münchner Westend und in Ramersdorf vor einigen Jahren. Bis sich herausstellte, dass der rechtsextreme NSU dahintersteckte. Regisseurin Christine Umpfenbach thematisiert in ihrem Stück „Urteile“ das Versagen vieler Beteiligter und die Traumatisierung der Opfer-Familien. Die Produktion des Residenztheaters hat am Donnerstag im Marstall Premiere.

Warum bringen Sie die NSU-Morde auf die Bühne?

Das hatte ich schon seit Anfang 2012 vor. Damals kam heraus, dass hinter den Morden rechtsextreme Täter stecken – und wie mit den Opferfamilien umgegangen wurde. Ich wollte mir exemplarisch anhand der Angehörigen in München anschauen, was da gesellschaftlich passiert ist in der Zeit zwischen den Morden und der Entdeckung des NSU.

Wie sind Sie vorgegangen bei der Recherche?

Ich habe zusammen mit Tunay Önder rund 20 Interviews geführt. Vor allem mit Angehörigen und deren Umfeld. Aber wir haben auch den Kontakt zur Polizei gesucht, mit Rechtsanwälten und Politikern gesprochen. Es ging mir um die Frage: Wie war die Vorstellung von den Tätern, die durch die Polizei und die Presse vermittelt wurde? Wie hat das Umfeld darauf reagiert? Die Verunsicherung führte teilweise so weit, dass man nicht mehr wusste: Wer war dieser Mensch eigentlich?

Wie bringen Sie die Gespräche auf die Bühne?

Mit drei Schauspielern, die ständig die Rollen wechseln. Es geht nicht um ein stringentes Spiel, sondern darum Stellvertreter zu sein für die Interviewten. Der Abend ist sehr einfach und still.

Gab es jemanden, der nicht mit Ihnen sprechen wollte?

Die Polizei. Die wollte während des laufenden Verfahrens nichts sagen. Der ehemalige Leiter der Mordkommission hat zunächst zu-, dann wieder abgesagt. Ich fand das sehr schade. So wird nur über die Polizei gesprochen.

Was haben Sie bei den Recherchen gelernt?

Ich habe vorher nicht gedacht, dass das Trauma so groß ist, das die Familien durchleben mussten. Man kann plötzlich viel besser verstehen, was es bedeutet haben muss, zehn Jahre lang so behandelt worden zu sein. Es ist wirklich ein doppeltes Trauma: Erst verliert man den Mann oder Vater, und dann kann man nicht richtig trauern, weil man ständig als eine Art Täter behandelt wird.

Ist Ihnen eine Schilderung ganz besonders in Erinnerung geblieben?

Ich fand es sehr krass, dass der Bruder des griechischen Opfers nach der Beerdigung selbst den Tatort putzen und das Blut wegkratzen musste. Alles war schwarz gepudert von der Suche nach Fingerabdrücken. Man verliert nicht nur einen geliebten Menschen, sondern auch einen Ort, die gewohnte Umgebung. Man wird aus dem Leben herausgerissen.

Haben die Angehörigen die Entstehung des Stückes begleitet?

Ja, sie sind zur Probe gekommen. Für mich war immer klar, dass das Stück so sein muss, dass es sich die Angehörigen anschauen können und dass sie das Gefühl haben: Das ist meine Geschichte, und die ist so richtig erzählt. Es kommen deshalb keine Fotos und keine O-Töne vor, ich versuche alles zu vermeiden, was ein voyeuristischer Blick sein könnte.

Werden die Angehörigen zur Premiere kommen?

Ja. Ich habe allen auch angeboten, sich die Generalprobe anzusehen. Sie werden alle zur Probe oder Premiere kommen.

Viele Bühnen beschäftigen sich derzeit mit dem NSU. Warum?

Weil es ein so wichtiges Thema ist, dass das Theater nicht drum herum kommt. Aber die Ansätze sind extrem verschieden. Viele andere Stücke beschäftigen sich mit den Tätern. Das hätte ich nie gemacht.

Warum nicht?

Weil es mich ankotzt, es ekelt mich, überall diese Fotos von den Tätern sehen zu müssen. Ich finde es interessant, wie der NSU entstehen konnte und was das mit Deutschland und unserer Gesellschaft zu tun hat. Aber mich interessiert viel mehr die Perspektive der Angehörigen, von denen viele es erschreckend finden, wie stark sie in den Hintergrund gerückt sind.

Halten Sie eine fiktionale Inszenierung des NSU für legitim?

Es kommt immer darauf an, wie man es macht. Da das Thema so heikel und verletzend ist, muss man sehr aufpassen. Ich finde, dass gar nicht viel Inszenierung nötig ist.

Sie kritisieren die Behörden und Medien. Was werfen Sie ihnen vor?

Es hat sich herausgestellt, dass die Nähe zwischen den Sicherheitsbehörden und den Medien sehr groß ist. Es stellt sich die Frage: Wie eigenständig sind die Medien, wenn sie von den Behörden immer nur einen Verdacht in eine bestimmte Richtung hören? Wie stark lässt man sich von einem bestimmten gesellschaftlichen Bild beeinflussen? Speziell darüber möchten wir auch in unserer begleitenden Diskussionsveranstaltung „Alltag und Rassismus“ diskutieren.

Hätten Sie sich vor dem November 2011 vorstellen können, dass Neonazis durch Deutschland ziehen und Menschen ermorden?

Nein. Aber: Sehr viele Menschen aus der türkischen Gemeinde haben früh gesagt: Das ist ein durchgeknallter Deutscher, der Ausländer umbringt. Es gab eine Angst, das zu laut zu sagen. Ich werte nicht, ich stelle die Perspektiven nebeneinander.

Trotzdem heißt Ihre Inszenierung „Urteile“. Wer fällt welches Urteil über wen?

Das ist für mich ein neutraler Begriff. Mir geht es darum, dass man sich ein Urteil bildet – und zwar nicht wie so oft zu schnell und voreilig.

Das Gespräch führte Philipp Vetter.

Premiere von „Urteile“

am kommenden Donnerstag, 20 Uhr, im Marstall. Weitere Vorstellungen am 11. und 16. April sowie am 18. und 26. Mai. Karten unter Telefon: 089/2185-1940.

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