Es marthalert sich so

- "Mit uns zieht die neue Zeit . . ." lässt Christoph Marthaler, noch ehe das Stück so richtig beginnt, die junge Julie singen. Aber ob ihr das einer glaubt? Denn irgendwie scheint die Zeit hier doch vorbeigezogen zu sein an diesem Berliner Theatertreffen, zu dessen Höhepunkten Marthalers Zürcher Inszenierung von "Dantons Tod" zählen sollte. Was jedoch das Publikum an der Spree überhaupt nicht fand. Büchners "Danton", umfunktioniert zur subjektiven Lebensbilanz des Regisseurs und die wiederum aufgepeppt durch Absingen revolutionärer Lieder aller Couleurs, hatte durch zu viel Privatheit eher einschläfernde Wirkung, als dass diese Aufführung in Berlin jemanden vom Hocker gerissen hätte.

<P>Zur Halbzeit der sich gern selbst als Olympiade des deutschsprachigen Theaters apostrophierenden 17-Tage-Schau von Aufführungen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich lässt sich gewiss keine positive Bilanz ziehen. Wenn auch die Festival-Eröffnung mit Johan Simons' Adaption von Heiner Müllers "Anatomie Titus Fall of Rome" durch die Münchner Kammerspiele sehr beklatscht und das Gastspiel des Münchner Residenztheaters mit Anton Tschechows "Onkel Wanja" in der Regie von Barbara Frey mächtig bejubelt wurden: Man wundert sich, mit welchem künstlerischen Ziel all die Aufführungen, die hier vom 1. bis zum 17. Mai gezeigt werden, ausgewählt wurden.</P><P>Schon verstanden: Das Kriterium sollte ein politisches sein. Oder genauer: "Was denn das Politische heute überhaupt sein könnte", wie das Festival-Programmheft fragt. Das ist, wie bei dieser Leistungsschau bislang zu sehen war, weitgehend die eigene politische Verquastheit der siebenköpfigen Kritikerjury. Klar, mit "Danton" marthalert man auf der sicheren Seite. Null Risiko. Und politisch sowieso korrekt. Aber wie hat sich Armin Petras' alias Fritz Katers "we are camera" vom Hamburger Thalia Theater zum Berliner Theatertreffen verirrt, diese nur laut inszenierte familiäre Nabelschau des Autor-Regisseurs, der nichts weiter tut, als mit seinem kindlichen Leiden an der Agenten-Tätigkeit des Papas zu kokettieren?</P><P>Sand im Getriebe</P><P>Ach ja, und auch Nicolas Stemanns Wiener Burgtheater-Inszenierung von Elfriede Jelineks "Das Werk", in dem wieder einmal Kaprun und seine Toten der Gegenstand  ihres  sintflutartigen Wort-Ergusses ist, mag durchaus dem schlichten Polit-Anspruch der Veranstalter gerecht werden. Dass dieser auf viele Darsteller aufgeteilte und szenisch mit allerlei mehr oder weniger wirkungsvollen Zutaten aufgebauschte Monolog zum Besten gehören soll, was zwischen Schwerin und Graz, Dresden und Basel zu sehen ist, kann man selbst den schauspielmäßig nicht gerade verwöhnten Berlinern nicht weis machen. Zumal einer Aufführung aus ihrer Stadt die Ehre der Teilnahme am Theatertreffen zuteil wurde, die den Anspruch an dezidiert politischer Ausrichtung mit dem Anspruch an Kunst und Poesie aufs Schönste verbindet: Dimiter Gotscheffs lichte, helle, die Dialektik der Realität feiernde Volksbühnen-Produktion von Koltès' "Der Kampf des Negers und der Hunde".</P><P>Immer im Schatten der Künstler stehen - das halten selbst die coolsten Juroren nicht aus. Und so wollten sie diesmal zeigen, dass ihr kreatives Potenzial durchaus konkurrenzfähig sei. Sie gaben dem Theatertreffen das Motto "Letzte Tankstelle vor der Wüste" und statteten entsprechend den Eingangsbereich des Hauses der Berliner Festspiele mit gewaltigen Mengen weißen Sandes aus. Hier aber muss durch die Wüste staksen, wer zur Tankstelle will. Na ja, Symbole sind - wie für so manche Regisseure auch - Glückssache. Mit uns zieht die neue Zeit? Wer glaubt, beim Theatertreffen voll tanken zu können, der bleibt, zumindest was die erste Runde betrifft, ohne Kraftstoff. Es sei denn, er hat Super gewählt und den Münchner, sich in dieser Berliner Auswahl fremd anmutenden "Onkel Wanja" gesehen, um sich mit den wunderbarsten Menschen-Geschichten des alten Tschechow fit zu machen für die, zumindest im Theater, neue Zeit.</P>

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