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Kušej verabschiedet sich mit Bühnen-Irrsinn

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Von: Michael Schleicher

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„Der nackte Wahnsinn“ bietet ein höchst unterhaltsames Chaos auf der Bühne. Das tolle Ensemble des Residenztheaters behält dabei stets den Überblick. © Matthias Horn

Martin Kušej inszenierte die Farce „Der nackte Wahnsinn“ zum Abschied seiner Intendanz am Münchner Residenztheater. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:

Der Augenblick der Wahrheit, so erzählte es Regisseur Michael Bully Herbig einmal, sei für ihn der Besuch von Bernd Eichinger gewesen, wenn der sich den Rohschnitt einer neuen Komödie angeschaut habe. Und Eichingers – von Bully gefürchteter – Satz der Wahrheit lautete: „Film steht.“ Damit machte der Produzent klar, dass auf der Leinwand nichts geschieht, was ihn als Zuschauer unterhält. Was im Kino gilt, stimmt im Theater allemal.

In Martin Kušejs Inszenierung von Michael Frayns „Der nackte Wahnsinn“ gibt es keinen Stillstand. Das Tempo der Farce ist hoch, muss hoch sein – und wird vom tollen Ensemble des Residenztheaters mühelos hochgehalten. Hier wird gerannt, gerutscht, gestürzt, sich aus- und umgezogen, geknutscht und geschlagen, gesoffen und geweint. Türen gehen auf und wieder zu, Teller mit Sardinen werden herein-, hinausgetragen. Am Ende sind alle, ist alles zerstört – doch muss die Show weitergehen. Ein Bühnen-Irrsinn.

Kušej ist designierter Chef des Wiener Burgtheaters

Es ist die letzte Regiearbeit Kušejs als Intendant des Staatsschauspiels; am Freitag war Premiere des zweieinhalbstündigen Abends (eine Pause). Es mag überraschen, dass sich der designierte Chef des Wiener Burgtheaters mit dieser perfekt gebauten Boulevardkomödie über eine Boulevardkomödie aus München verabschiedet. Wer jedoch genau hinhört, erkennt im Pointen-Poltern, an dem das Publikum großen Spaß hatte, ein Verbeugen vor dem und ein Nachdenken über das Theater, das Leben – und die Sinnlosigkeit von beidem.

Die Handlung wurde nach Bayern verlegt

Kušej hat die Handlung aus Großbritannien nach Bayern verlegt und den Figuren die Namen seiner Schauspieler gegeben. Zudem haben er und Dramaturgin Angela Obst einige Seitenhiebe eingebaut, die unschwer zu dechiffrieren sind: Etwa heißt der Autor im Stück Franz Xaver Hötz und lebt wie sein Vorbild Kroetz zeitweise auf Teneriffa. Der Regisseur, den Norman Hacker als Einziger haarscharf vor der Grenze zur Karikatur ansiedelt, hört auf den Namen Martin K. Er zelebriert nicht nur die Bussi- und „Schätzchen“-Kultur der Kreativen, sondern muss sich auch die Frage gefallen lassen, ob er nicht nach „Gutsherrenart“ agiere. Und Genija Rykova, die an den Kammerspielen zu sehen war, bevor Kušej sie ans Residenztheater holte, wird bei einem Hänger angemault: „Wir wissen, dass Du in diesem Haus auf der anderen Straßenseite beschäftigt warst, wo sich die Schauspieler die Stücke selbst ausdenken.“

Kušej nimmt den Text grundsätzlich ernst

Trotz dieser Scherze nimmt Intendant Martin Kušej den Text ernst. Frayn zeigt eine Theatertruppe bei der katastrophalen Generalprobe zu „Nackte Tatsachen“. „Dieses Stück ist so schwachsinnig“, heißt es an einer Stelle über die Inszenierung in der Inszenierung. Damit ist alles gesagt. Im zweiten Akt, der hinter den Kulissen spielt, ist die Produktion auf Tournee, die Verhältnisse innerhalb des Ensembles aber noch mieser als bei den Proben. Zuletzt sind die Beziehungen der Schauspieler so ramponiert wie die Kulisse – und dennoch versuchen alle, den Karren irgendwie am Laufen zu halten. So lustig, so bitter.

Starke Ensembleleistung

Manches hätte schärfer inszeniert sein dürfen. Doch ist es ein großer Spaß, den sehr guten Schauspielern zuzuschauen, wie sie sehr schlechte Schauspieler spielen. Dabei wird auch klar, welch starkes Ensemble der Intendant in den vergangenen Jahren am Residenztheater versammelt hat. Gerade ein Stück wie „Der nackte Wahnsinn“ würde nicht funktionieren, wenn Timing, Tempo und Vertrauen zwischen den Darstellern fehlen. Doch auf der von Annette Murschetz stilsicher neureich-geschmacklos eingerichteten Achtzigerjahre-Bühne schnurrt die Theatermaschinerie so zuverlässig dahin wie ein Volvo. Es lässt sich nur erahnen, welch enorme Arbeit das für Sophie von Kessel, Genija Rykova, Katharina Pichler, Nora Buzalka, Norman Hacker, Till Firit, Thomas Loibl, Paul Wolff-Plottegg und Arthur Klemt – ja, sie müssen alle genannt sein – bedeutet. Die Anstrengungen lohnen sich. Heftiger Applaus.

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