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Ein Projekt mit unterschiedlichen Zugängen zum Völkermord an den Armeniern: Derzeit laufen am Münchner Residenztheater die Proben zu „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ mit Ismail Deniz (li.) und Bijan Zamani.

„An unserer Wortwahl wird sich nichts ändern“

Intendant Kušej unterstützt Dresdner Sinfoniker 

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München - Mit Unverständnis hat Martin Kušej, Intendant des Münchner Residenztheaters, auf die Intervention der Türkei bei der EU-Kommission gegen das Konzertprojekt "Aghet" der Dresdner Sinfoniker reagiert. Wir haben mit ihm gesprochen.

Die Türkei hat bei der EU-Kommission gegen das Projekt „aghet – aǧit“ der Dresdner Sinfoniker zum Genozid an den Armeniern interveniert. Am Residenztheater ist am 13. Mai Premiere von „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ nach Franz Werfels Roman, der den Völkermord des Osmanischen Reiches thematisiert. Wir sprachen mit Intendant Martin Kušej über die Einflussnahme der Türkei und die Konsequenzen für sein Haus.

Wie beurteilen Sie die Intervention der Türkei?

Dass die türkische Regierung versucht, auf beschlossene Förderentscheidungen der EU und damit auf den Spielplan der Dresdner Sinfoniker Einfluss zu nehmen, ist schwer zu fassen. Der Vorstellung, so ließe sich die künstlerische Auseinandersetzung mit historischen Tatsachen unterdrücken, darf unter keinen Umständen Raum gegeben werden. Leider ist genau das passiert.

Wie beurteilen Sie die Reaktion der EU-Kommission, auf Verlangen der Türkei die Beschreibung von „aghet – aǧit“ von der Internetseite zu nehmen?

Es ist diese Reaktion, die es überhaupt erst erforderlich macht, dass die Öffentlichkeit sich nun mit dem Vorgang befassen muss. Zu erwarten wäre doch gewesen, dass das Ansinnen des türkischen EU-Botschafters höflich, aber bestimmt und unter Hinweis auf die einschlägigen Grundrechte zurückgewiesen wird. Jetzt wird laviert und – nach allem, was wir den Medien entnehmen – mit den Veranstaltern und dem Komponisten Marc Sinan geredet, ob sie nicht vielleicht bereit wären, den Titel zu ändern. Das ist alles andere als banal. Wenn die EU-Kommission jetzt tatsächlich versuchen sollte, ihrerseits Einfluss auf die Intention und Aussage dieses künstlerischen Projektes zu nehmen – und das hat sie bereits, indem sie zugesagt hat, den Ankündigungstext zu „überarbeiten“ –, dann muss offensichtlich nicht nur die türkische Regierung zur Lektüre der Europäischen Menschenrechtskonvention ermutigt werden, sondern die EU-Institutionen selbst.

Haben die Entwicklungen Einfluss auf Ihre Premiere von „Die vierzig Tage des Musa Dagh“?

Ausgehend von Franz Werfels Roman über eine Episode im Völkermord an den Armeniern inszeniert Nuran David Calis derzeit an unserem Haus ein Projekt mit armenischen, türkischen und deutschen Schauspielern, das von „geteilten“ Erinnerungen im doppelten Wortsinne handelt. Es ist keine Dramatisierung oder Nacherzählung des Romans, also keine strikt literarische oder historische, sondern eine bewusst zeitgenössische Beschäftigung mit dem Thema. Das heißt auch, dass die unterschiedlichen Wahrnehmungen, Perspektiven und Zugänge der beteiligten Künstler sehr direkt Eingang in diese Arbeit finden werden. An diesem besonderen Charakter des Projekts und seiner offenen Form wird sich nichts ändern. An der Wortwahl übrigens auch nicht.

Warum haben Sie sich entschieden, diese Produktion in den Spielplan 15/16 aufzunehmen?

Die historischen Ereignisse von 1915/16 und ihre Folgen bis heute sind keine „innere Angelegenheit“ der Türkei, und auch kein Streit um Begriffe zwischen Türken und Armeniern. Deutschland hat als damaliger Bündnispartner des Osmanischen Reiches eine höchst unrühmliche Rolle in einem der ersten Völkermorde des 20. Jahrhunderts gespielt. Es geht bei diesem Projekt also nicht zuletzt um die Beschäftigung mit einem immer noch wenig beachteten Kapitel deutscher Geschichte. Zur deutschen Erfahrung mit politischer Zensur gehört übrigens auch, dass Werfels Buch 1934, drei Monate nach seinem Erscheinen, hierzulande wegen „Gefährdung öffentlicher Sicherheit und Ordnung“ verboten wurde. Friedliches Zusammenleben ist sehr stark davon abhängig, wie man miteinander in der Lage ist, über die gemeinsame Geschichte zu sprechen. Dazu kann Kunst vielleicht manchmal einen Beitrag leisten – wenn man sie lässt! Unsere Produktion fühlt sich diesem Dialog mit künstlerischen Mitteln verpflichtet.

Das Gespräch führte

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