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Regisseur Martin Scorsese

Martin Scorsese im Merkur-Interview

"Ohne Leo ließen sich meine Filme niemals finanzieren"

München - Martin Scorsese spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über seinen neuen Film „The Wolf of Wall Street“ und über seine fünfte Zusammenarbeit mit Leonardo DiCaprio.

Beim Filmfestival von Marrakesch treffen wir Meisterregisseur Martin Scorsese im Kaminzimmer seines Hotels zum Gespräch über seinen neuen Film „The Wolf of Wall Street“, der am Donnerstag in die Kinos kommt. Der 71 Jahre junge und 1,63 Meter kleine Regie-Gigant („Taxi Driver“) redet so schnell wie ein Maschinengewehr, lacht immer wieder herzhaft und lässt dabei seine buschigen Augenbrauen tanzen.

Sie haben nun schon zum fünften Mal mit Leonardo DiCaprio gedreht…

Ja, denn ohne die Unterstützung eines Kassenmagneten wie Leo ließen sich meine Filme niemals finanzieren! (Lacht.) Glücklicherweise ist der Knabe ja ganz nebenbei auch noch ein verdammt guter Schauspieler. Er agiert vor der Kamera völlig furchtlos und scheut keinerlei Risiko. Mit jedem neuen Projekt trauen wir uns, noch einen Schritt weiter zu gehen als zuvor.

Diesmal spielt er einen Wolf im Schafspelz: einen smarten Börsenmakler, der mit skrupellosen Aktienbetrügereien zum Multimillionär wird und in Sex- und Drogenexzessen versumpft – nicht gerade die perfekte Identifikationsfigur.

Stimmt. Aber braucht man als Zuschauer unbedingt jemanden, mit dem man sich identifizieren kann? In dem Film geht es um die Gier, die in Amerika immer weiter um sich greift: Alles scheint sich nur noch um maximalen Profit zu drehen. Jordan Belfort, auf dessen Memoiren der Film beruht, ist das perfekte Beispiel dafür.

Sie zeigen das, was dieser Kerl treibt, völlig ohne moralische Wertung.

Ja, indem ich das Geschehen radikal aus Belforts Sicht schildere, zwinge ich den Zuschauern seine Denkweise auf. So werfe ich sie mitten hinein in seine abartige Welt und führe ihnen die Obszönität vor Augen, die seine Gier mit sich bringt, die Dekadenz, den Wahn, die Zerstörung, aber auch die Faszination. Das Heimtückische an solchen Typen ist ja, dass sie durchaus charmante Verführer sein können.

Sind Sie froh, dass Sie in „The Wolf of Wall Street“ endlich Ihre humorvolle Seite zeigen konnten?

Ja, das hat Spaß gemacht. Allerdings fand ich meine Filme – von „Wie ein wilder Stier“ bis „Good Fellas“ – schon immer sehr witzig. Zugegeben, mein düsterer, grimmiger Humor, den ich übrigens von meiner Mutter geerbt habe, ist vielleicht nicht jedermanns Sache. Doch ich bin jedes Mal völlig verblüfft, wenn Leute zu mir sagen: „Mr. Scorsese, ich hatte richtig Angst vor der Begegnung mit Ihnen, nachdem ich ja Ihre Filme kenne…“ Denken diese Leute wirklich, ich würde ihnen etwas antun?

Mit Matthew McConaughey, der auch in Ihrem neuem Film mitspielt, haben Sie einen sehr stilvollen Werbespot für Dolce & Gabbana gedreht…

Unter uns gesagt: Ich fürchte, dass keiner meiner Werbespots je den Verkauf irgendeines Produktes angekurbelt hat! (Lacht.) Aber Dolce & Gabbana haben mich ein bisschen experimentieren lassen. Die beiden sind quasi Landsleute von mir: Domenico Dolce stammt aus demselben Dorf wie mein Großvater, aus Polizzi Generosa in der Nähe von Palermo.

Seit wann interessieren Sie sich denn für Mode? Sie tragen einen schicken Anzug – aber der könnte, mit Verlaub, auch von Ihrem Vater stammen…

Ich jage zwar nicht jedem Trend nach, doch ich war schon immer fasziniert von Modedesignern und interessiere mich sehr dafür, wie man Stoffe gestaltet und benutzt. Nun bin ich in einem Alter, in dem man hofft, dass der Anzug, den man gerade trägt, auch in zehn Jahren noch up to date sein wird. Aber als Twen hatte ich Spaß daran, mich möglichst wild zu kleiden. Und stellen Sie sich vor: Als ich 1971 nach Kalifornien ging, habe ich mich total in Cowboyhemden verliebt! (Scorseses Smartphone klingelt.) Entschuldigung! Ich sollte das irgendwie abschalten, oder? Leider kenne ich mich mit diesen Dingern überhaupt nicht aus… (Er fasst das Telefon mit zwei spitzen Fingern an, als würde er eine Ratte am Schwanz hochheben, und hält es der Pressebetreuerin unter die Nase.) Alexis, könntest du das bitte draußen irgendwo hinlegen? Ja, nimm’s! Mach’s tot! (Lacht.) Danke!

Bei unserem letzten Gespräch vor ein paar Jahren haben Sie erzählt, dass Sie nicht wüssten, wie man einen Computer bedient. Ist das immer noch so?

Im Prinzip ja. Mittlerweile habe ich allerdings so ein iPad. Ich weiß immerhin, wie man es einschaltet und wie man eine Suche macht. Eine Suche nach einem Namen oder was auch immer.

Können Sie auch E-Mails schreiben?

Man hat versucht, mir das beizubringen, aber dazu ist mir meine Zeit zu schade. Bevor ich anfange, irgendwelche E-Mails zu beantworten, beschäftige ich mich lieber mit meiner Familie, lese ein Buch oder sehe mir einen Film an. So ist das eben, wenn man älter wird: Da wird einem bewusst, wie kostbar die verbleibende Zeit ist! (Lacht.)

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

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