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Martin Walser, Jahrgang 1927, lässt in seinem neuen Roman das große Gefühl in einen Jahrmarkt der Eitelkeiten knallen. Foto:

Walsers neuer (Brief-)Roman: "Das dreizehnte Kapitel"

München - Martin Walser, obwohl Jahrgang 1927, ist sprudelnd produktiv. Jetzt hat er sich an einen Briefroman namens „Das dreizehnte Kapitel“ gewagt.

Der beginnt allerdings wie eine dieser verschmitzt satirischen Gesellschafts- und Verhaltensanalysen, die dem Dichter vom Bodensee zu unserem Vergnügen so virtuos aus der Schreibhand fließen. Ein hochmögendes Schriftstellerpaar ist auf dem Weg zu einer Feierlichkeit im Schloss Bellevue, wo sich vor allem die Wissenschaftselite vom Bundespräsidentenpaar huldigen lässt. Es wimmelt nur so von Professores.

Dass die alle nur Menschen sind wie du und ich, macht Walser sogleich an seinem Autor-Erzähler-Ich klar. Der offenbart schon im Taxi zum Empfang seine Schwäche („Wenn ich nicht diesen komischen Ehrgeiz hätte, überall bestimmen zu wollen, wie ich wirke.“) und registriert en passent die der anderen. In diesen Jahrmarkt der Eitelkeiten knallt unversehens das große Gefühl. Der soignierte Herr, der sich eindeutig zu einer wirklich guten Ehe mit seiner Iris bekannt hat, verliebt sich. Verknallt sich, muss man besser sagen, wenn man die so poetischen wie aufgewühlten Elogen über die angehimmelte Theologie-Professorin aus seiner Tischrunde liest. Der Schriftsteller selbst spricht von „Befallenheit“.

Da sind wir schon in dem Briefroman, den Autor Basil Schlupp mit Frau Professor Dr. Maja Schneilin anspinnt. Sie ihrerseits ist glücklich verheiratet mit dem Molekularbiologen Korbinian Schneilin, selbstverständlich ebenfalls Prof. Dr., der sich nicht mehr der Forschung widmet, sondern mit seiner Firma der Produktion von „Medikamenten nach Maß“. Dass Martin Walser nicht widerstehen kann, diesen Übermensch der Naturmanipulation am Ende des Romans durch das Schicksal in die existenzielle Hilflosigkeit eines ohnmächtigen Normalmenschleins zu stoßen, ist da noch nicht zu ahnen. Zunächst geht es nur darum, dass Basil seine Theologin zu einer Korrespondenz bewegt, die jetzt sein Leben auszumachen scheint.

Dieser Dialog in Briefen gibt beiden Gelegenheit zu kleinen Denkspaziergängen, Gefühlsanalysen, Reflexionen über Briefe an sich, also das Wandern der Gedanken beim Schreiben. Walser kann dabei seine eher neue Leidenschaft für Glaube, Religion und Theologie („Muttersohn“, „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“) ausleben.

Mittelneu/-alt ist dagegen der Stoff der unerfüllbaren Liebe. Freilich nimmt er genauso seine alten Motive wie die Paarbeziehung wieder auf. Denn gerade in den Briefen, die später zu Mails modernisiert werden, wird klar, dass die jeweiligen Ehepartner geliebt werden und geliebt bleiben. Auch wenn Basil seine Iris „verrät“, weil er der anderen Frau Textpassagen aus ihrem „Dreizehnten Kapitel“ (!) zusendet, oder Maja ihren Korbinian – eindeutig unabsichtlich – bloßstellt.

All das ist ausgesprochen unterhaltsam, gleichzeitig hochgebildet und Debatten-anregend. Was das Werk über diese ohnehin schon edlen Merkmale hinaushebt, ist Martin Walsers ruhige, ja geduldig aufspürende Raffinesse. Denn er deckt, zunächst unmerklich, peu à peu den Egoismus dieser (Erfolgs-)Männer auf. Der ist unauflösbar verwoben mit deren Liebeswallungen, ja selbst mit den Formen scheinbar absichtsloser Frauenverehrung, die an den Minnedienst in der mittelalterlichen Literatur erinnern. Basil Schlupp und Korbinian Schneilin gehören, anders als das Ego-Monster Ludwig aus dem Hintergrund der Geschichte, zur Sorte sympathischer Egoist. Wenn es bedrohlich wird, offenbart sich aber auch bei ihnen das Vampirwesen. Der nette Herr Professor, der seiner Frau Maja gern riesige Blumensträuße schenkt, zwingt ihr eine brutale Radltour durch halb Kanada auf. Er ignoriert, dass sie nur mitfährt, weil er krebskrank ist. Dieses Mal ist das Bezwingen der Natur nur noch eine krampfhafte Symbolgeste. Sein „Willst Du bei mir bleiben“ wird für die liebende Frau zur Falle.

Von ihrem iPhone schickt die Frau ihrem Brieffreund einen Reisebericht von der „Großen Tour“ – zwischen Sorge, körperlicher Qual, komischen Szenen und Naturenthusiasmus. Als sie verstummt, schreibt Basil noch zweimal in das Schweigen, akzeptiert es dann – und bekommt schließlich die bittere Aufklärung.

Martin Walser: „Das dreizehnte Kapitel“. Rowohlt Verlag, Reinbek, 271 Seiten; 19,95 Euro.

Von Simone Dattenberger

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