Martin Walser stellt Roman "Ein liebender Mann" in Weimar vor

Weimar - "Meine Liebe weiß nicht, dass ich über 70 bin. Und ich weiß es auch nicht." Diesen Satz lässt der 80-jährige Martin Walser Goethe in seinem neuen Buch "Ein liebender Mann" sagen.

Und er umfasst damit das ganze Spektrum eines in Leidenschaft entbrannten Mannes zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, für den 55 Jahre Altersunterschied zu seiner Angebetenen keine Rolle spielen.

Am Mittwochabend stellte Walser in einer ersten öffentlichen Lesung im Festsaal des Stadtschlosses Weimar seinen Roman über die Leidenschaft des 74 Jahre alten Goethe zu der erst 19-jährigen Ulrike von Levetzow vor.

Der Roman erscheint im Rowohlt-Verlag und soll am 7. März in die Buchhandlungen kommen. Walser sagte, er habe zeigen wollen, "was Liebe aus einem Menschen macht". Er habe Goethe als großen Liebenden gezeichnet. Jeder, der geliebt habe, könne den Liebesschmerz des greisen Dichters nachempfinden. "Schmerz macht reich. Daran ist nichts Negatives."

Der Weimarer Klassiker entdeckt 1823 während der Kur in Marienbad seine Seelenverwandtschaft mit der jungen Frau, verliebt sich in sie und soll - in einer letzten Aufwallung der Gefühle - vergebens um ihre Hand angehalten haben. In einer Mischung aus Verzückung und Verzweiflung schrieb er nachher die "Marienbader Elegie". Von der jungen Frau ist außer ein paar Worten und einem Bild so gut wie nichts überliefert.

Unter den 180 Zuhörern, die den leicht ironischen Tonfall Walsers bei seinen kurzen Auszügen immer wieder mit Schmunzeln quittierten, waren auch Bundespräsident Horst Köhler, der in Thüringen Urlaub macht, Philosoph Peter Sloterdijk und die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU). Einen besseren Ort als das ehemalige Residenzschloss im Zentrum der Klassikerstadt hätte Walser für seine Buchpremiere nicht finden können. Der Geheime Rat Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) ging dort jahrelang beim Großherzog Carl August ein und aus. Mit dem Oberhaupt des kleinen Thüringer Herzogtums, das zum Inbegriff der deutschen Klassik wurde, verbanden ihn neben den Staatsgeschäften auch Kunst- und naturwissenschaftliche Interessen.

"Es ist alles Goethe, weil alles Liebe ist", bekannte Walser auf die Frage, was in "Ein liebender Mann" Goethe-Studie oder Selbstbeobachtung sei. Goethe habe in Weimar immer den großen Entsager gespielt, den Mann, der alles im Griff hatte. In Wahrheit habe er - wie alle unglücklich liebenden Männer und Frauen - mächtig gelitten. "Er darf so sein, wie er bei mir ist." Auf den wirklichen Goethe habe er sich nicht eingelassen.

Walser, der in mehreren Romanen die Liebe zweier Menschen mit großem Altersunterschied thematisierte, gab sich gespannt, wie vor allem die Kritikerinnen diesen Roman aufnehmen werden. Sie hätten Walsers zuvor erschienene Bücher "biologisch, moralisch und ästhetisch skandalös" genannt. "Die machen aus Altersunterschied Rassismus."

In seinem Buch hat Walser Goethe auch Dutzende Liebesbriefe an seine Angebetete schreiben lassen. Er habe dazu die Legitimation gehabt, sagte Walser, "weil sie nicht da waren". Es soll der letzte Wunsch Ulrike von Levetzows gewesen sein, sie zu verbrennen. Goethes letzte Liebe hat nie geheiratet und starb 1899 hochbetagt.

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