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Episoden aus dem Leben eines älteren Intellektuellen „Mir geht es ein bisschen zu gut“: Martin Walser feiert am 24. März seinen 90. Geburtstag. foto: patrick Seeger/ dpa

Neuerscheinung „Statt etwas oder Der letzte Rank“

Bekanntschaft mit dem Ich - Martins Walsers aktuelles Werk

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Martin Walsers aktuelles Werk „Statt etwas oder Der letzte Rank“ ist eine lockere Reihung von 52 philosophischen und psychologischen Mikro-Theorien

Wir kennen das Wort „rank“ eigentlich nur noch von dem Ausdruck „rank und schlank“. Nun lernen wir mit dem neuen Buch von Martin Walser, das an diesem Donnerstag erscheint, „Rank“ mit anderer Bedeutung kennen. Zu Beginn seines Romans „Statt etwas oder Der letzte Rank“ zitiert er aus dem Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Da steht „rank, m. wendung, drehung“ und neben einer schweizerischen Variante unter „2. rank, namentlich auch im wettlaufe und bei der jagd, die wendung, die der verfolgte nimmt, um dem verfolger zu entgehen“.

Den ersten Rank nimmt der Leser schon nach ein paar Seiten wahr. Was als „Roman“ tituliert wird, ist gar keiner, sondern eine lockere Reihung von 52 philosophischen und psychologischen Mikro-Theorien, die von poetischen Formulierungen umspielt werden. Ein Ich taucht auf, das gaukelnd wie ein Schmetterling grübelt und gern ornamentreich formuliert. Das Ich ist auch mal ein Er und versucht im Übrigen anhaltend, der Dechiffrierung durch unseren Leseverstand zu entkommen.

Da wird manch Haken geschlagen und manch Rank genutzt. Da ist man als „Verfolger“ ganz schön gefordert, um dem Wild und dessen Zeilen-spur noch folgen zu können. Zum Glück hat den Dichterdenker Martin Walser, der am 24. März 90 Jahre alt wird, im zweiten Teil des Buchs der Erzähler Martin Walser übermannt. Episoden aus dem Leben eines älteren Intellektuellen ergeben ein Daseinsfragment, das ein Gesamtbild ahnen lässt.

Im ersten Teil der Selbstbeobachtungen des Ich sammelt es jedoch Sätze und Anmerkungen wie: „Mir geht es ein bisschen zu gut. Zu träumen genügt. Unfassbar sein wie die Wolke, die schwebt. Ich hoffe mehr, als ich will.“ Viele Überlegungen kommen dem Walser-Leser aus den vergangenen Jahren bekannt vor. Das Bekenntnis, nicht mehr recht haben, sich nicht mehr festlegen, keine Denkmodelle nutzen zu wollen, etwas nicht mehr „für wahr halten zu müssen“, wird jetzt noch intensiver variiert.

Das ist nicht nur ein Lebensansatz, sondern auch einer, der Wissenschaft und Politik infrage stellt. „Genau wissen zu wollen“, sperre einen selbst ein: „Es kommandierten die Theorien, jede mit einem Extra-Lösungsversprechen.“ Besorgt verfolgen wir das Ich, „das nicht mehr vorstellbar“ sein möchte. Zum Glück aber „nicht verstummen“ kann. Wer formuliert „Fühl dich so unwichtig wie du bist. Wenn dir das gelingt, darfst du bersten vor Stolz“, kann damit sicher nicht aufhören. Gerade dieser Zwiespalt macht die Figur (und Walser selbst) für den Leser so reizvoll wie aufreizend, denn man schwankt dauernd zwischen Zustimmung und Widerspruch. Ein fruchtbarer Zustand.

Viele Anmerkungen reflektieren außerdem die Arbeit des Schriftstellers, der allerhand Bekanntschaften macht. Dass sie sich als seine „Geschöpfe“ erweisen, ist wieder ein Rank, der uns verunsichert. Konkreter auf das eigene Leben verweist Walser dann etwa in den Episoden, in denen es um den „Feuilletongewaltigen“ einer Frankfurter Zeitung, also um Marcel Reich-Ranicki, geht. Solche Schlenker schwächen das überzeitliche Niveau des Textes zwar, haben aber unterhaltsamen Klatsch-Wert. Allerdings ist der Motivkomplex Gegner-Beobachter-Feind dominant in „Rank“. Das Ich beschäftigt sich so intensiv mit bedrohlichen Kräften, dass man versucht ist, es für seelisch krank zu halten.

Viel charmant-schlitzohriger sind da die drei Begegnungen mit Theodor Adorno oder die Hilfe von Wilhelmina, einer nicht-existenten Schwester von Kafka. Frauen, Liebe und Erotik sind die andere Konstanten im Walser’schen Œuvre, die trotz der Behauptung „Statt etwas oder Der letzte Rank“ in selbigem Text unangetastet bleiben. Dort konkretisiert sich schließlich das Ich zu einem Gesellschaftstheoretiker, der den Liebesgarten einer Sexromane schreibenden Dame bewundern darf. Klar, dass daneben alle Theorie grau ist.

Zum Ende hin schwenkt unser enttheoretisierter Theoretiker ein auf den Weg der Versöhnung. Wie löst man sich von Vorwürfen, die man anderen macht? Wie leben Vernunft und Unvernunft miteinander? Wie wichtig sind Träume, Wunder, Märchen? Damit sind Ich samt Leser erneut beim Erzählen, den Gebrüdern Grimm sowie bei der Sehnsucht nach dem guten Ende. Martin Walser lässt sein Märchen um den Wissenschaftler gut enden in der „Barmherzigkeit“ von dessen Frau, der Maxime „Ich bin, also bin ich“ und einer „Friedensfeier, aber bald“.

Martin Walser: „Statt etwas oder Der letzte Rank“.Rowohlt Verlag, Reinbek, 171 Seiten; 16,95 Euro. 

Der Autor feiert die Buchpremiere an diesem Donnerstag um 20 Uhr im Literaturhaus; Karten: 089/ 29 19 34 27.

Martin Walser: „Die AfD wird von selbst verschwinden“

Es sei gar nicht nötig, gegen die AfD zu kämpfen, glaubt der Schriftsteller Martin Walser - die Populisten-Partei werde von ganz allein wieder verschwinden. Im März wird der mehrfach preisgekrönte Autor 90 Jahre alt. Das Magazin „Cicero“ wählte ihn zum führenden Intellektuellen in Deutschland.

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