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Volles Risiko

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Von: Simone Dattenberger

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Martin Walser bleibt trotz seiner 91 Jahre ein mutiger Schriftsteller. © Foto: Felix Kästle/ dpa

Martin Walser zeichnet in „Spätdienst“ das Porträt eines Mannes, eines Künstlers, der wie alle stark und schwach ist, kleinlich und großartig, imponierend klug und überraschend ängstlich.

„Ich fahr aus dem Leben
hinaus,/
in grellen Stürmen wütet
der Herbst,/
der Regen gibt Glanz, ich
habe/
den Abschied gepachtet, langsam lachend/
versink ich im farbigen Tod.“

Martin Walser, 91, dessen Männerfiguren oft ihr einzigartiges Lebensflirren aus der großen, oft verrückten Liebe zogen, widmet sich in seinem jüngsten Buch, „Spätdienst – Bekenntnis und Stimmung“, auffallend stark dem Tod. Und der Lyrik:

„Die Zeit zu zwingen, ins
Gedicht/
zu gehen, trotz des
Geräuschs,/
das Geschwindigkeit heißt, uns/
liegen lässt, weit auseinander, dass/
einer den anderen nicht hört und,/
sich unbekannt, verstummt.“

Der Tod ist für Walsers Text-Ich das Nichts, die Auslöschung. In der Literatur, im Vers, in der Kunst generell widersteht hingegen das Ich der Vergänglichkeit. Diese widersprüchlichen Empfindungen und das Wissen darum webt der Schriftsteller, der in erster Linie einer der bedeutendsten Erzähler des deutschsprachigen Raums ist, in bewegende Lyrik. Sie ist literarisch, also handwerklich gut, ohne mit Virtuosität und Bildung prahlen zu wollen. Sie ist darüber hinaus große zeitlose Kunst, weil die Verse wie aus der Natur gewachsen wirken: ob aus dem Wesen der Landschaft, aus dem Wesen einer Amsel, aus dem Wesen Walsers selbst, aus dem Wesenskern unseres Seins. Obwohl sich Trauer, Schmerz, durchaus mal Larmoyanz und viel seltener als früher bei Martin Walser Humor über die Worte legen, kann sich das Publikum in ihnen selbst wahrnehmen, kann innerlich gegen sie argumentieren oder mit ihnen diskutieren. Dieses Auf-den-Leser-Zugehen betont Walser durch seine Widmung „Für Gegner: ein gefundenes Fressen/ Für meine Leser: vielleicht ein Ausflug ins Vertraute“. Und tatsächlich werden sie einige im langen Dialog mit dem Autor bereits gelesene Sentenzen wiedererkennen.

Wie in den vergangenen Jahren versucht der Dichter vom Bodensee, sich immer direkter, ungeschützter zu zeigen. Er verwischt gerade in literarischen Kurz-Formen, wie wir sie in seiner „Meßmer“-Reihe gelesen haben, die Grenze zwischen dem realen Walser und der Sprecher-Größe im Text. Volles Risiko also. Das geht der Schriftsteller ein. Man merkt das deutlich, wenn er dünnhäutig bis giftig gegenüber der Kritik mancher Feuilletonisten reagiert, die er sogar namentlich nennt.

So wird „Spätdienst“ neben dem künstlerischen Wort-Genuss und dem philosophischen Sinnier-Abenteuer zu einem Porträt eines Mannes, eines Künstlers, der wie alle stark und schwach ist, kleinlich und großartig, imponierend klug und überraschend ängstlich. Ein Mensch halt. Und der möchte sich am Ende seines Lebenswegs so facettenreich darstellen, wie er eben ist. Dazu gehören nicht nur Grauen und Grant, sondern auch zum Beispiel die Nase der Oma, die er geerbt hat, der alemannische Dialekt „vu friar“, Selbstzweifel („... aber ich knie, ich krieche/ zu allen Altären, die mir drohen“) und Politisches wie eine Hommage an Europa:

„In deinen schönen Bauch krall ich mich, Europa,/
aus deinen Poren pul ich Hoffnung,/
du in Ost und West Beleidigte, du Standhafte.“

Dass der Erzähler und Aphoristiker Martin Walser enorm viel zu bieten hat, wussten wir – jetzt ist der Lyriker Martin Walser dazugekommen.

Martin Walser:

„Spätdienst. Bekenntnis und Stimmung“. Mit Arabesken von Alissa Walser. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 207 Seiten; 20 Euro.

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