Die Maschine läuft an

München - Wenn der Regisseur und Bühnenbildner Andreas Kriegenburg und die Kostümbildnerin Andrea Schraad zusammenarbeiten, finden Theateraufführungen zu einer ganz eigenen, geheimnisvollen Poesie.

Wie etwa 2006, als Kriegenburg Tschechows "Drei Schwestern" an den Münchner Kammerspielen inszenierte und Schraad die Schauspieler in rätselhaft schöne Kostüme und Masken hüllte. Riesige Schwellköpfe trugen die Figuren in ihren wahrhaftigsten Momenten auf den Hälsen, und doch wirkten diese aufgequollenen Monsterhäupter so zart und zerbrechlich, so großäugig staunend und so ängstlich zerknautscht wie Kinderköpfchen.

Für diese wundersame Ausstattung erhielt die 34- jährige Kostümbildnerin aus dem niedersächsischen Dinklage 2007 auch den Theaterpreis "Faust". Nun bringt das Hamburger Dreamteam, der Oberspielleiter und die Atelierleiterin des Thalia Theaters, Franz Kafkas "Prozess" auf die Bühne der Kammerspiele. Premiere ist morgen, 19.30 Uhr.

Josef K. wird am Morgen seines 30. Geburtstages verhaftet und verschiedenen Instanzen eines mysteriösen Gerichts vorgeführt, ohne zu wissen, welches Verbrechens er bezichtigt wird. So wenig fassbar und geradlinig Kafkas loses Romanfragment ist - Kriegenburg findet darin eine "unglaubliche Theatralität" und eine "Fülle an visuellen Motiven". Die starke, zentrale Figur des Josef K. lässt der Regisseur übrigens von allen acht Schauspielern darstellen. "Wir erzählen seine Geschichte aus der Innensicht. Das heißt, es bleibt in der Schwebe, wie real oder geträumt diese Geschichte ist."

Eher untypisch für eine Kostümbildnerin erscheint Schraad ganz schlicht und in Schwarz zum Gespräch über den "Prozess", der noch vor der Sommerpause fertig gestellt wurde. "Am besten", sagt sie, um ihre Arbeitsweise zu beschreiben, "würden wir jetzt die Wand anschauen, nur ist sie schon nicht mehr da."

"Die Wand" scheint ihr wichtigstes Werkzeug zu sein, eine Projektionsfläche und Fantasielandschaft, die voll ist mit Bildern, "von der Fußleiste bis zur Decke". In diesem Fall waren das Fotos von Menschen aus Kafkas Zeit, aber auch aus unseren Tagen, Gemälde von Otto Dix oder Rauminstallationen. "Es können auch Collagen sein, Farbassoziationen oder Stoffe. Ab einem bestimmten Moment allerdings braucht man die Spieler selbst, weil sie viel mitbringen, worauf man reagieren muss."

Schraad ist bei den Schauspielern beliebt, sie mögen es, dass sie sie nicht einfach in Trend-Klamotten aus Modemagazinen oder Boutiquen steckt. Und Andreas Kriegenburg sagt von ihr: "Im Umgang mit den Leibern der Spieler ist sie eine der Empfindsamsten und Besten, die ich kenne. Es gibt niemanden, von dem sich die Schauspieler so gern anziehen ließen wie von ihr." Er schätzt die Zusammenarbeit mit ihr: "Meistens versuche ich, einen Zugang zu beschreiben, der oft noch vage ist. Dann fängt Andrea an zu sammeln und zu suchen. Aus dieser Fülle wiederum kann ich Inspiration ziehen."

Beim "Prozess" war der gemeinsame Ausgangspunkt der beiden, ausgelöst durch Kafkas eigentümliche Expressivität, der frühe Schwarzweißfilm, die Stummfilm-Ästhetik und ein eher grafisches Arbeiten. Manchmal entsteht während des Inszenierungsprozesses aus dem Bildmaterial auch ein Entwurfsbuch. "Bei den ,Drei Schwestern' habe ich zum Beispiel über das Konzept viel erzählt. Verstanden haben es die Schauspieler aber erst richtig, als sie Andreas Buch gesehen haben. Insofern ist sie für mich auch eine wichtige Übersetzerin", sagt Kriegenburg.

Für die ruhige, bescheidene Schraad, die den Beruf der Kostümbildnerin in seinem ureigensten Sinne ausfüllt und sich gar nicht mehr erinnern kann, wie ihr Berufswunsch entstanden ist, scheint all das überhaupt nicht ungewöhnlich zu sein. "Bei mir steht am Anfang immer eine Stimmung, von der ich ausgehe, dann läuft die Maschine an, ein Automatismus. Mit Worten ist das schwer zu beschreiben", sagt die Frau der Bilder.

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